Crowdfunding finanziert Lebensraum für Kaffee-Liebhaber in Moabit

Cafe Antje - Copyright Antje Lenz

Was tut eine junge Gastronomin, die aufgrund einer unendlichen Baustelle vor Ihrem Lokal in finanzielle Bedrängnis gerät? Sie startet eine Crowdfunding-Kampagne im Social Web! Antje Menz, Jahrgang 1987, hat schon in Ihrer Abiturzeitung als Berufswunsch „Cafébesitzerin“ angegeben und sich nach einer Ausbildung im Hilton, Stationen im Ausland und im China Club des Adlon sowie einer Barista-Ausbildung in der Berliner Kaffeerösterei diesen Traum mit ihrem Lokal „Natürlicher Lebensraum“ erfüllt, das inzwischen vor allem unter seinem Rufnamen „Café Antje“ bekannt ist.

Der Standort an der alten Arminius-Markthalle im quirligen Bezirk Tiergarten stellte sich entgegen der Empfehlungen der Banken als Glücksfall heraus, denn anders als in Pankow und Mitte findet sich hier noch wenig Konkurrenz durch andere anspruchsvolle Kaffeehäuser.  In persönlicher Atmosphäre wurden im kleinen Ladengeschäft und auf einigen Außenplätzen seit 2013 einem wachsenden Stammpublikum Kaffeespezialitäten und hausgemachte Kuchen serviert – bis im Frühjahr diesen Jahres eine Baustelle eingerichtet wurde. Ursprünglich sollte das Umfeld der Markthalle aufgewertet, die Lebensqualität der Anwohner erhöht und den umliegenden Geschäften und Gastronomen mehr Stellfläche eingeräumt werden. Doch nach einer pünktlich abgeschlossenen ersten und einer verzögerten zweiten Bauabschnitt ist die gesamte Baustelle nahezu zum Erliegen gekommen, gerade als mit Anbruch der dritten Bauphase die Jonasstraße vor dem Café Antje abgesperrt wurde. Antje Lenz: „Seit dem Moment, wo die Straße abgesperrt wurde, ist wochenlang nichts passiert, nur hin und wieder kam mal ein Baufahrzeug“, sagt Antje Lenz, „doch dann wurde die Asphaltdecke aufgerissen und von da an war alles sehr laut und schmutzig – katastrophal für ein Café. Denn da sitzt man nicht bequem im Sessel, nippt am Cappuccino und liest die Tageszeitung!

Damals bemühte Antje Menz sich, das beste aus der sandigen Baugrube vor ihrer Tür zu machen und organisierte ein Fotoshooting, bei dem die männlichen Mitglieder eines Moabiter Sportvereins mit freiem Oberkörper als Bauarbeiter posierten, die Menz im Kellnerin-Kostüm mit weißer Spitzenschürze mit Kaffee versorgte. Die originellen Fotos, die daraus entstanden, hat sie als Postkarten verteilt und die gerahmten Kunstwerke im Café ausgestellt. „Das gab viel positive Aufmerksamkeit und hat uns zunächst den Umsatz stabil gehalten.“ Aber als die Arbeiten direkt vor der Eingangstür angelangt waren und dadurch nicht nur jegliche Außengastronomie entfiel sondern auch alle Parkmöglichkeiten und sämtliche Laufkundschaft, wurde es finanziell brenzlig für die Dreißigjährige: Umsatz und Gäste reichten einfach nicht mehr aus. „Mir fehlte die Liquidität und ich benötigte eine Zwischenfinanzierung aber ohne neuen Kredit, denn zusätzliche Raten kann ich zurzeit nicht stemmen“, sagt Menz, „deshalb musste etwas anderes her ohne Raten und da kam ich auf die Idee des Crowdfundings.“ Zudem dieser Schritt nicht nur die Erhöhung der Mittel, sondern darüber hinaus eine stärkere Einbindung ihrer Stammkunden ermöglicht.

Antje Lenz Lebensraum Moabit
Antje Lenz überbrückt eine finanzielle Durstrecke in ihrem Café Lebensraum mit Crowdfunding.

Zu dem Zeitpunkt habe ich noch versucht, das beste aus der Baustelle zu machen. Also habe ich mir ein witziges Fotoshooting ausgedacht, bei der attraktive Männer eines benachbarten Sportvereins Bauarbeiter gespielt haben, die ich mit im Kellnerin-Kostüm mit weißer Spitzenschürze bedient habe. Die witzigen Fotos, die daraus entstanden sind, haben wir als Postkarten und Facebook verteilt und gerahmt als Ausstellung in unseren Räumen gezeigt. Das gab viel positive Aufmerksamkeit und hat uns zunächst den Umsatz stabil gehalten. Zwei Monate benötigte sie für Kalkulation und Konzeption der Kampagne inklusive Aufnahme einer persönlichen Videobotschaft an ihre Unterstützer, Anfang Oktober hat sie dann alles auf der Crowdfunding-Plattform Startnext online geschaltet. Das Angebot ähnelt einem Onlineshop: Café Antje bietet für verschiedene Preisklassen Dienstleistungen an, die Kunden erwerben können etwa Sonntagsbrunch-Gutscheine, einen Backkurs, einen ganzen Kuchen für 35€ oder einen „persönlichen“ Stuhl im Café für 15 Euro, auf den dann der Name des Spenders in Gold eingraviert wird. Vieles davon lässt sich gut zu Weihnachten verschenken. Das Einlösen ist aber erst ab Februar des nächsten Jahres möglich – dadurch hat Antje Menz einen Mehrverkauf mit vorgezogenen, sicheren Einnahmen, was ihr in der jetzigen Situation stark weiterhilft.

Die avisierte Summe von 15.000 Euro wurde bis zum 19.11.17 nicht nur erreicht, sondern sogar leicht überschritten. Besonders freut sich Antje Menz darüber, dass fast jeder zweite nicht nur etwas kauft, sondern darüber hinaus auch etwas spendet. „Für mich ist das gerade wie eine Erntezeit für mein jahrelanges, intensives Netzwerken“, sagt Antje Menz. Man solle nämlich nicht unterschätzen, wie viel Arbeit Crowdfunding sei. „Es sieht leicht aus, aber es ist viel Arbeit, denn einfach etwas online einzustellen reicht nicht! Man muss jedem einzelnen erklären, worum es geht. Man muss Leute auf die Webseite stupsen!“ Gerade ihre älteren Gäste könnten mit dem Begriff nichts anfangen und ihnen musste Menz vieles erklären. Als Faustregel gilt: Für jeden im Crowdfunding generierten Cent benötigt man einen Klick auf die Webseite – für eine ausreichende Summe sind viele Tausende Klicks erforderlich. Die meiste Arbeit habe deshalb das Netzwerken gemacht: Leute kontaktieren, feinfühlig ansprechen, erklären, dass jede Unterstützung für uns einen doppelten Mehrwert bedeutet.

Deshalb würde Menz Neugründern kein Crowdfunding empfehlen, weil man in der Regel noch nicht genug Kontakte habe, die man aktivieren könnte. Gestandene Gastronomen dagegen pflege viele Kontakte – für ein neues Projekt, eine Erweiterung oder eine Durststrecke könne Crowdfunding genau das richtige Instrument sein.

Eine kürzere Version dieses Textes erschien zuerst in der AHGZ.

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