Berlin für Naschkatzen: Die besten Orte süßer Verführung

Bildschirmfoto 2016-06-10 um 16.49.59Berlin erlebt einen regelrechten „candy storm„: Es gibt immer mehr Süßigkeiten-Geschäfte für Naschspezialitäten, Lakritz-Shops und Schoko-Cafés! Dazu kommen Flagshipstores und Werksverkaufsläden der hiesigen Süßigkeitenhersteller. Die besten habe ich in diese Karte eingetragen, die bei der Suche nach Sweet-Highlights in der Hauptstadt helfen kann. Auch im benachbarten Potsdam gibt es empfehlenswerte Ziele. Falls ein potentiell lohnender Ort fehlt, sendet mir einen Hinweis, dann nehme ich ihn auf.

Berühmte Nachbarn: In der Zossener Straße war Christopher Isherwood zu Gast

Unweit meiner Wohnung, in der Zossener Straße 7, steht ein graues, verfallenes Gebäude, in dem Christopher Isherwood – der Autor von „Good-bye, Berlin“ (das später unter dem Titel „Cabaret“ mit Liza Minelli in der Hauptrolle verfilmt wurde) – einige Male Gast war. Hier befand sich in den 1920er Jahren eine schwule Absteige mit dem Namen „Cosy Corner“. Der Journalist Axel Schock schreibt am 10. Februar 2005 in der Berliner Zeitung: „Seine Stammkneipe wird das „Cosy Corner“ in der Zossener Straße 7. Ein kleiner Laden, Hochparterre, alles andere als elegant. Hier braucht man keinen Smoking und auch keine gut gefüllte Geldbörse, um Einlass zu bekommen und Spaß zu haben. Und zudem trifft sich hier, was Isherwood wesentlich erotischer fand: bodenständige Arbeiterjungs. Wo man sich seinerzeit klassenübergreifend beim Bier näher kam, ist heute eine Zahnarztpraxis untergebracht.“ Der ganze Artikel findet sich hier. Isherwood selbst beschreibt den Laden in seiner Autobiografie „Christopher und die Seinen“ so:  „Der einzige Wandschmuck bestand aus ein paar Boxer- und Radrennfahrerfotos über der Bar, und geheizt wurde mit einem altmodischen alten Ofen. Teils wegen der Hitze, teils weil sie wussten, dass es ihre Kundschaft erregte, zogen die Jungs ihre Pullover oder Lederjacken aus und saßen aufgeknöpft bis zum Bauchnabel und mit bis zu den Schultern hochgekrempelten Ärmeln herum. (…) Ihre Grundhaltung bestand in einem fast gleichgültigen ‚Nimm mich oder verschwinde‘, und obwohl sie hauptsächlich wegen des Geldes in die Bar kamen, konnten sie in diesem Lokal doch auch andere Jungen treffen, plaudern und Karten spielen.“

Berliner Mythen: Die Heimat der U-Bahnhof-Waagen

„Oftmals sich wiegen und danach leben, wird dir lange Gesundheit geben“ steht auf dem Metallschild am Automaten und täglich kommen viele hundert Berliner dieser Aufforderung nach und lassen sich von Peter Schulz wiegen. Das geht ganz fix zwischen zwei U-Bahnen, denn Schulz 55 automatische Waagen stehen auf U-Bahnhöfen. Manche der gusseisernen Stadtmöbel sind schon 80 Jahre im Einsatz. Sie wurden in der Weimarer Republik von der Neuköllner Maschinenfabrik Sielaff hergestellt. Noch heute produziert Sielaff Automaten für Getränke, Zigaretten und Pfandflaschen, allerdings mit Hauptsitz in München.

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Berliner Mythen: Die Heimat der Ökopioniere

Noch studiert Hannes Niemer Economics an der Berliner FU, obwohl er Kapitalismus nicht für „so eine super Sache“ hält. Wenn er damit fertig ist, wünscht er sich ein Einfamilienhaus im Grünen, mit Frau und Kindern. Und einen Job mit geregelten Arbeitszeiten, „einfach weil ich sonst morgens nicht hochkomme“, gesteht Hannes. Dabei haben seine Eltern ihn immer vor so einem Leben gewarnt. Mutter Sigrid und Papa Juppi mussten vor 27 Jahren erst das alte UFA-Gelände in Tempelhof besetzen, um aus ihrem bürgerlichen Leben ausbrechen zu können.

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Berliner Mythen: Die Heimat der Stasi-Spione

Es ist der 15. Januar 1990, ein diesiger Wintertag. Rostock, Suhl, Gera – fast überall in der DDR werden die Bezirksverwaltungen des Ministeriums für Staatssicherheit von Bürgerrechtlern kontrolliert – nur nicht in Berlin. Deshalb hat sich das Neue Forum vorgenommen, heute das Hauptquartier der Stasi an der Normannenstraße zu besetzen und Flugblätter verteilt. Auch Hannelore Köhler hat eins in die Hände bekommen und fährt direkt nach der Arbeit zum U-Bahnhof Magdalenenstraße in Lichtenberg. Mehrere tausend Menschen haben sich schon vor dem großen Metalltor versammelt, hinter dem werktags 40.000 Spitzel daran arbeiten, DDR-Bürger auszuspähen und zu gängeln.

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Berliner Mythen: Die Heimat der promisken Schwulen

Die beiden Männer könnten verschiedener nicht sein: der ältere von beiden im Anzug, mit Krawatte und Aktentasche, der jüngere in Jeans und aufgeknöpftem Hemd. Es ist kurz nach Büroschluss, als sich die beiden auf der öffentlichen Toilette am Großen Stern begegnen. Sie sprechen kein Wort, ein paar verstohlene Blicke am Eingang, einige deutliche Gesten am Pissoir reichen zur Verständigung. Dann verschwinden sie zusammen in einer der Kabinen.

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Berliner Mythen: Die Heimat der antiautoritär erzogenen Kinder

„Täglich reden wir vom antiautoritären Kampf, von der Notwendigkeit, diese Gesellschaft zu verändern“, heißt es im Aufruf des Aktionsrats zur Befreiung der Frau. Doch während im Frühjahr 1968 vor allem Männer auf Plenen und Demos mitmischen, bleiben viele Frauen wegen der Kinder zuhause. Studentinnen aus dem Umfeld des ultralinken SDS wollen deshalb „Möglichkeiten für eine antiautoritäre Erziehung der Kinder“ schaffen. In den nächsten Tagen und Wochen starten in Berlin sieben sozialistische Kindergartenprojekte. Es werden Deutschlands erste Kinderläden, benannt nach den Räumen, in denen sie zumeist unterkommen: leer stehenden Ladengeschäften. „Erziehung zu Kampf, Konflikt und sozialistischer Lebensperspektive“ lautet die pädagogische Marschroute. In Wilmersdorf, in der Babelsberger Straße 11, wird eine ehemalige Bäckerei samt Verkaufsraum angemietet, nur vier Häuser weiter steht die „Babelsburg“, soziologisches Institut der FU und zugleich Zentrale studentischen Aufbegehrens. Bettina und ihre Zwillingsschwester Regina sind gerade sechs Jahre alt, als ihre Mutter sie hier zum ersten Mal absetzt. Sie ist keine Unbekannte im Kinderladen: Ulrike Maria Meinhof hatte als Mitglied des Frauen-Aktionsrats indirekten Anteil an der Gründung. Auch ideologisch kämpft sie an der gleichen Front, schreibt in der Zeitschrift „konkret“, die von Papa Röhl herausgegeben wird, gegen einen autoritären, imperialistischen Kapitalismus an. „Die Stimmung im Laden war bombig“, erzählt Bettina Röhl (Foto), „in der alten Backstube hingen Autoreifen von der Decke, mit denen konnte man sich wie beim Autoscooter gegenseitig rammen.“ Eine Ermahnung beim Toben müssen die Ladenkinder nicht fürchten, sollen sie sich doch ganz und gar frei fühlen. Erzieher Fehlanzeige – die engagierten Eltern wechseln sich beim Kinderhüten ab. „Meine Mutter fand das Prinzip gut“, erinnert sich Bettina Röhl, „sie selber hatte allerdings nie Zeit und schickte an ihren Tagen immer jemand anderen vorbei.“ Alles ist erlaubt, was im „normalen“ Kindergarten streng verboten ist: Wände bemalen, durchs Fenster steigen, kommen und gehen wann man Lust hat. Doch während die Kinder in anderen revolutionären Horten nackt herumlaufen, bleibt es in der Babelsberger 11 züchtig. „Damit hatten wir Gott sei Dank nichts zu tun“, sagt Bettina Röhl, „die Eltern bei uns waren meist junge Akademiker, die sich selber noch nicht allzu sehr entbürgerlicht hatten.“ An Samstagen dient der Laden als Treffpunkt für Demonstrationen, die gemeinsame Ausflüge ersetzen müssen. Zwischen dem sechsten und siebten Lebensjahr besucht Bettina über 50 Demos, deren Themen sich gleichen: Es geht um Vietnam und Springer, Kuba und Ho Tschi Minh. „Alle Nase lang gab es Straßentheater mit ein bisschen Weltrevolution am Kuhdamm“, sagt Röhl, die heute als Journalistin für „Die Zeit“, Cicero und „taz“ arbeitet und mit ihren Enthüllungen über Alt-68er grüne Gurus wie Joseph Fischer und Daniel Cohn-Bendit zur Verzweiflung treibt. In der Babelsberger Straße 11 befindet sich heute ein Immobilienbüro. Oliver Numrich

Berliner Mythen: Die Heimat der Kreiskultur

Andreas Speichert verdankt dem Prater sein Leben. Das war im Sommer 1954, im Biergarten: Der Ausschank ist wie immer dicht umlagert. Hier gibt es das Pils in großen Gläsern, Bockwurst und Buletten, Kuchen und gekochten Kaffee. Beim Schwofen lernen sich Harry und Gitta kennen. Es wird mehr draus, sie heiraten und zehn Jahre später kommt Sohn Andreas zur Welt – in der Oderberger Straße 41, das ist gleich nebenan. Das Amüsier- und Ausflugslokal „Berliner Prater“ ist legendärer Treffpunkt – nicht nur für einsame Herzen. 1837 eröffnet es vor den Toren Berlins. „Hier können Familien Kaffee kochen“ hieß es damals, denn die Gäste bringen die Kaffeebohnen selbst mit und bestellen heißes Wasser dazu. Das Hauptgebäude mit Festsaal und Bühne ist das erste Haus in der Kastanieallee, wo ansonsten nur Felder, Wiesen und Windmühlen sind. Zu DDR-Zeiten wird es Kreiskulturhaus und zum Zentrum des kulturellen Lebens in Prenzlauer Berg. Von hier aus werden sämtliche Jugendclubs, Bühnen und Galerien im Bezirk organisiert. 1987 kehrt Andreas Speichert zurück. Im Erich-Franz-Club fragt ihn jemand, ob er im Prater als Techniker arbeiten will. Beim Einstellungsgespräch stellt man ihm zwei Fragen: „Sind sie Alkoholiker?“ und „Haben sie einen Ausreiseantrag gestellt?“ Speichert kann beides verneinen, ist außerdem Mitglied der SED und bekommt den Job. Im Saal gibt es jeden Tag eine andere Veranstaltung: Von der Kombinatsfeier, über Ausstellungen der Eisenbahn- oder Aquarienfreunde und Tanztee bis zum Rockkonzert. „Der Prater war nicht der Ort, wo die Revolution geplant wurde“, sagt Speichert, „aber die Bands hatten mehr Freiheiten.“ Wenn es mal ein Auftrittsverbot gibt, meldet sich die Gruppe unter neuem Namen wieder an. Nebenbei wird „gemuckt“, in Bands gespielt oder Musik aufgelegt. Sie kommen alle gut miteinander aus: die Punker, die Langhaarigen mit den Lewis-Jeans, die Blues’er. „Wir sind von Konzert zu Konzert gezogen“, sagt Speichert, „es gab Mädchen, nicht zu viel Stress mit der Arbeit, das war meine schönste Zeit.“ Nach der Wende wird das Kulturhaus für 3,2 Mio. Westmark in eine Investruine verwandelt: Der Haupteingang zur Kastanienallee wird zugemauert, Elektroleitungen und Heizungsrohre kreuz und quer verlegt. Am Ende hängt ein Heizkörper außen an der Fassade. Als die Volksbühne 1994 den Prater zur Spielstätte macht, gibt es keinen Brandschutz, keine Türen, keine Toiletten. Während Castorfs ersten Proben kurven Maurer mit der Schubkarre durch den Saal. Die Bühne ist gesperrt, weil der „Eiserne Vorhang“ – der Feuerschutz – wie eine Guillotine herabsausen könnte. „Es ist gut, dass es den Prater noch gibt“, sagt Speichert. Denn während rund herum saniert ist und schwäbische Studenten einziehen, bleibt der Prater mit seinem maroden Charme für ihn ein Stück Kiez. Und im Biergarten, da trifft sich noch immer alles, vom Urberliner bis zum Touristen. Wie vor 170 Jahren… Oliver Numrich

Berliner Mythen: Die Heimat der DDR-Oppositionellen

„Gor-bi, Gor-bi!“ und „Kei-ne Gewalt!“ skandieren nervöse Teilnehmer der Spontan-Demo an der Weltzeituhr. Vereinzelt dringend die Rufe bis zur Karl-Marx-Allee, wo sich zur selben Zeit die Chefetage der SED an einer Militärparade zum 40-jährigen Bestehen der Republik erfreut. Doch die Zahl der Demonstranten an diesem 7. Oktober 1989 steigt unaufhörlich: Tausende treten aus ihren geheimen Zirkeln und subversiven Winkeln heraus und zeigen öffentlich, dass sie unzufrieden sind mit ihrer DDR. Am Nachmittag schlägt das Imperium zurück: Die Protestierer werden aus dem Stadtzentrum gedrängt, flüchten die Schönhauser Allee hinauf, Richtung Gethsemanekirche. Seit den 80er Jahren sind die Kirchen im Ostteil der Stadt Treffpunkte der Aufsässigen, oft der einzige Ort, an dem sich Friedens- und Umweltaktivisten überhaupt versammeln können. Allen voran die Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg, die Kaiser Wilhelm II 1893 noch zum Bollwerk gegen aufkommende atheistische und sozialistische Bewegungen geweiht hatte. In diesen unruhigen Oktobertagen diskutieren hier bis zu 3.000 Menschen und beten dafür, dass die Mächtigen sich dem Wunsch nach demokratischer Umgestaltung nicht länger verschließen. Bürgerbewegte wie Marianne Birthler koordinieren vom einzigen Telefon der Kirchengemeinde aus den landesweiten Widerstand und nehmen Vermisstenmeldungen auf. Höhepunkt des Protests ist eine Mahnwache für inhaftierte Systemkritiker, die der Weißenseer Friedenskreis durchführen will. Er stellt die Kirchenleitung vor die Wahl: Entweder ihr gebt uns die Kirche freiwillig oder wir besetzen. Es ist die Feuertaufe für Dieter Wendland (Foto), frisch gewähltes Mitglied des Gemeindekirchenrats: „Wir mussten als Hausherren überlegen, was das für unsere Sicherheit bedeutet.“ Doch nach kurzer Beratung sind sich alle zwölf Vorstandsmitglieder einig. „Wir haben einstimmig beschlossen, dass wir sie reinlassen“, erinnert sich Wendland und kämpft 17 Jahre danach wieder mit der Fassung: „Es bewegt einen noch immer…“ Über Nacht wird die Gethsemanekirche vollends zu einem rebellischen Gotteshaus: Für kurze Zeit hängt ein Transparent „Mahnwache für die zu unrecht Inhaftierten“ über dem Eingangsportal, bevor es nach Drohungen der Staatsgewalt gegen „Wachet und Betet“ ausgetauscht wird. „Wir hatten kein politisches Programm, wussten nicht wie das weitergehen sollte“, sagt Wendland, „aber diese Politik betraf auch uns und wir waren dagegen, dass Menschen zu Unrecht interniert werden.“ Die Volkspolizei riegelt die Kirche ab, lässt keinen mehr rein oder raus. „Wir haben das natürlich als Belagerungszustand empfunden“, erinnert sich Wendland. Die Verhandlungen mit der Abteilung Inneres führen zu keinem Ergebnis, so dass bereits Dutzende Menschen in der Kirche campieren, als der Protestzug vom Alexanderplatz dazuströmt. Die Leute wollen aber nicht in die Kirche, sondern auf der Straße bleiben und dort protestieren, woraufhin es vor der Kirche und im ganzen Bezirk zu Tumulten kommt. „Wir waren keine Helden“, wiegelt Wendland ab, „so sehen wir uns nicht. Wir haben einfach gemacht, was unser Gewissen uns gesagt hat.“ Binnen Monatsfrist gelingt es den friedlichen Revolutionären, die greisen Diktatoren aus ihren Ämtern zu jagen. Oliver Numrich

Berliner Mythen: Die Heimat des Berliner Rundfunks

„Verzeihn Sie, mein Herr, fährt dieser Zug nach Kötzschenbroda?“ Mit glühendem Kopf sitzt der junge Karlheinz Drechsel, Augen und Ohren weit aufgerissen, in Reihe 1 des Großen Sendesaals. Der 17-jährige Dresdener ist persönlicher Gast von Teeni-Idol Bully Buhlan, der wenige Meter vor ihm seinen Smashhit „Kötzschenbroda-Express“ zum Besten gibt. Der Song ist die erste deutsche Version vom Swing-Klassiker „Chatanooga Choo-Choo“ und lässt selbst das Berliner Publikum im Haus des Rundfunks mitwippen. Später werden den jungen Groupie Freundschaften mit Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Oscar Peterson und anderen Größen des Jazz verbinden – aber das konnte 1948 noch keiner ahnen.

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