Zahnseide aus dem „Wonderland of Floss“

Erdbeerkuchen, Kardamom, Schinken – die Geschmäcker sind verschieden was Zahnseide angeht!

Wer braucht das nicht: Zahnseide mit Schinkengeschmack?! Oder mit Kardamom? Oder dem Aroma von Teebaumöl, Cranberry oder gar Erdbeertörtchen…!? Ein Freund hat es mir aus den USA mitgebracht. Und jetzt habe ich bei Amazon das hier gefunden: Zahnseide (Englisch: Floss) mit Absinth-Geschmack. Auch nicht schlecht! Aber ob man sich danach noch mal die Zähne putzen muss?! Diese Zahnseide mit Erdbeer-Cupcake-Geschmack gibt es schon für 3 Euro bei Amazon und sie schmeckt wirklich lecker. Auch sehr schön ist das Frühstücks-Set aus drei Sorten Zahnseide mit dem Duft von Kaffee, Waffeln und Schinken. Banane der Marke „Monkey Floss“ gefällt mir auch und wie wäre es mit Sorte „Salat“?! Ja, richtig gelesen: Zahnseide mit Salatgeschmack (hat der überhaupt Geschmack?)! Ranch-Flavour ist glaube ich Sauerrahm – danach dürfte der Gute-Nacht-Kuss ziemlich würzig ausfallen!

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„Lieber Freund, bitte können Sie trauen“: Erfolglose Onlinebetrüger dank Google Translate

Viele der Betrugs-E-Mails, in denen mir große Geldbeträge angeboten werden, sind so unglaubwürdig und schlecht übersetzt, dass mir die ahnungslosen Absender fast leid tun. Naja, nur fast. Ist Google Translate bewusst so programmiert, betrügerische Inhalte mies zu übersetzen, um potentielle Opfer zu warnen? Auf solche Briefe  fällt doch keiner rein, oder? Nachfolgend dokumentiere ich einige der misslungensten Versuche, an mein Geld zu kommen.

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Bahnfahrers Qual: Und ewig stocken die Durchsagen…

Ich habe eine Bahncard50 und nutze sie hin und wieder, weil ich denke, dass es das umweltfreundlichste Verkehrsmittel ist und man mehr Bahn fahren sollte. Aber bei längeren Strecken machen mir Details den Aufenthalt in der Bahn zum Albtraum. Alles was ich will ist schnelle Fortbewegung und die Möglichkeit, im Zug zu lesen oder zu arbeiten. Ich kritisiere nicht die häufigen Verspätungen (etwa von Berlin-Südkreuz), die zugigen Bahnhöfe, nicht die hohen Preise, allein den hohen Stressfaktor, den eine Fahrt in der 1. Klasse in einem deutschen ICE birgt. Ich verstehe nicht, warum die Bahn diese Kleinigkeiten, die mit Sicherheit viele Menschen von diesem Verkehrsmittel abschrecken, nicht in den Griff bekommt wie… „Bahnfahrers Qual: Und ewig stocken die Durchsagen…“ weiterlesen

Pringles-Werbekampagne: Kunden werden verschaukelt

In den flotten Fernsehspots freuen sich Pringles-Esser darüber, dass jetzt genau 90 Chips in jeder Packung sind. Wie schön für sie. Leider schmecken diese 90 Kartoffelscheibchen nicht mehr so voll und mehlig, weil sie viel dünner geworden sind. Stattdessen dominiert jetzt der Geschmack des Frittierfetts. Der Hintergrund: In den letzten Jahren wurde der Inhalt der bunten Dosen immer weniger: Waren die vergleichsweise teuren Chips 2006 noch 200 Gramm schwer, sind es seit der letzten Einsparungskampagne nur noch 165 Gramm je Dose. Pringles mit „Extrem“-Geschmack enthalten sogar nur 150 Gramm. Woher ich das weiß? Ganz einfach, weil ich seit Jahren leere Pringels-Dosen sammle, wegen der vielen Designs aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Es folgen Verpackungsfotos, die den kontinuierlichen Schwund belegen. Dass die Verbraucher gerade in Deutschland statt auf die Qualität vor allem auf den Preis dessen achten, was sie vertilgen, ist ja leider hinlänglich bekannt. Trotzdem ist es schon eine Unverschämtheit von Procter & Gamble, in der Werbung ausgerechnet die hohe Menge seiner Chips anzupreisen, während die Zutaten reduziert werden. Man hätte ja auch geschmackliche Vorzüge oder ähnliches in den Vordergrund stellen können! Mehr Wissenswertes über die dreisten Lügen der Lebensmittelindustrie erfährt man bei foodwatch.

Pringels von 2006, noch mit 200 Gramm fett machenden Inhalts.
Über 180 Gramm geht es dann schnurstracks....
... runter auf 170 Gramm, um dann pünktlich zur 90-Stück-Werbekampagne
bei 165 Gramm anzukommen. Danke für die Verkackeierung, Procter & Gamble!
Darf's noch ein bisschen weniger sein? Dann emfpehle ich Pringles "Extrem" mit 150 Gramm. Quasi die Diät-Packung.

Krankenkasse BKK Oetker: Okay, aber ohne Herz

Ich habe meine Krankenkasse gewechselt, weil die TK eine preiswertere Zusatzversorgung (Krankentagegeld) anbietet. Aber eigentlich tat es mir leid, denn ich hatte mit der Kasse der nie Probleme. Ich war zwar hin und wieder krank, leide unter allerlei Allergien, aber selbst die Bettzeugummantelung gegen die fiesen Hinterlassenschaften der Hausstaubmilben wurde ohne Murren übernommen. Also um es grad so zu sagen: Ich fand es schade, das gute partnerschaftliche Verhältnis, bei dem sich beide Seiten mehr oder weniger in Ruhe lassen, aufzugeben. Also schrieb ich das auch in mein Kündigungsschreiben:
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Häufige Bedienungsfehler beim iPhone

Wie war ich besellt, als ich endlich das neue iPhone3GS in Händen hielt. Aus Sorge um seine Unversehrheit zog ich einen schwarzen Gummischutzbezug drüber, den ich noch vom ähnlichgroßen iPod hatte. Das war mein Fehler Nummer 1! Denn von Anfang an hat mein neues Handy gesponnen, wenn jemand anrief oder ich jemanden anrief: Ständig war der Bildschirm schwarz und ich konnte überhaupt nichts mehr einstellen oder bedienen. Es dauerte aber etwas, bis ich darauf kam, woran es lag. Bei der Suche nach häufigen Fehlern auf entsprechenden Onlineforen stellte ich fest, dass das iPhone einen lichtempfindlichen Sensor am Telefonlautsprecher hat, also da, wo man das Ohr ranhält. Dieser Sensor wurde von meiner nicht genau passenden Gummihülle verdeckt, woraufhin das iPhone den Bildschirm deaktiviert. Der im Grunde kluge Hintergrundgedanke der Entwickler ist: Wenn man das iPhone ans Ohr hält, wird der Sensor verdeckt, der daraufhin den Bildschirm auf schwarz schaltet, damit man nicht versehentlich mit Ohr oder Wange Tasten auf dem berührungsempfindlichen Bildschirm drückt und irgendetwas auslöst, das man nicht wollte. Tricky, schön, aber man muss es wissen! Und in der sehr knapp gehaltenen Gebrauchsanweisung findet man natürlich nichts dazu. „Häufige Bedienungsfehler beim iPhone“ weiterlesen

Facebook: Lohnenswerte Gerichte bei Café Word

Wer hat nicht schon wertvolle Arbeitszeit mit einem dieser Spiele auf Facebook vertrödelt wie FarmTown, Happy Aquarium oder Cafe World. Meist geht es dabei darum etwas aufzubauen: Eine Farm, ein Aquarium oder eben ein Restaurant und dabei täglich aufs Neue Aufgaben zu erledigen, die das virtuelle Reich weiter wachsen lassen. Das Prinzip ist dasselbe wie früher bei Tamagotchis: Wer sein Spiel vernachlässigt und zum Beispiel wegen Arbeit oder Urlaub nicht täglich seinen Verpflichtungen nachkommt, kriegt Probleme: Die Ernte verdirbt, die Fische werden krank oder verhungern und in der Gastronomie verderben die Speisen. Schon bei der Auswahl der angebotenen Speisen sollte der neue Wirt genau überlegen, wann er wieder online sein kann, denn die Zubereitungszeiten reichen von 5 Minuten bis zu 2 Tagen. Außerdem bieten die Gerichte unterschiedliche Verdienstmöglichkeiten. Nachfolgend empfehle ich aufgrund meiner eigenen Spielerfahrungen (Level 58) folgende Gerichte mit dem höchsten Return on Investment je Kochdauer:

Kochzeit 2 Tage
Roastbeef lohn sich am meisten (Einsatz zu Gewinn inkl. Kosten für Herdputzen: 1 zu 3,17)

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Osterfreuden: Zerstören mit Spaß

Jedes Jahr das gleiche: Der Osterhase versteckt bergeweise bunte, hartgekochte Eier – aber was macht dann damit? Vor der Überdosis Cholesterin ein paar Vorschläge für das Spielen mit dem Essen.

1. Eierticken oder Andotzen: Von zwei Spielern nimmt jeder ein Ei, stößt Spitze gegen Spitze und dabei möglichst das des anderen entzwei. Bleibt eins ganz, dann kriegt der Besitzer auch das zerstörte.

2. Eierrollen: Ein Langstreckenwettbewerb mit unbegrenzter Spielerzahl. Alle versammeln sich auf einem Wiesenhang (geht auch auf einer schrägen Tischplatte) und lassen ein Ei nach dem anderen in die Tiefe rollen. Wer am weitesten kommt darf alle übrigen Eier einsammeln.

3. Eierspecken: Wie beim Eierrollen, doch jetzt geht es darum, mit dem herabrollenden Ei ein anderes zu treffen („anzuspecken“). Wer nichts trifft, muss sein Ei als Zielscheibe für die nächste Runde liegen lassen. Wer trifft, darf das gedetschte Ei behalten.

4.
Eier an der Zimmerdecke aufschlagen: Statt das Ei mit dem Löffel windelweich zu hauen oder mit dem Messer zu enthaupten, kann man es auch mit viel Schwung an Decke werfen – dann fällt es (manchmal) perfekt gepellt wieder auf den Frühstückstisch. Achtung: Weniger Schwung in der Neubauwohnung.

5.
Eierlaufen: Kennt jeder von der Geburtstagsfeier: Eier auf einen Esslöffel legen und ein Wettlauf durch den Wohnzimmerparcours beginnt. Wessen Ei runterfällt hat verloren, muss es an den Sieger abgeben.

Altkleidermarkt: Deutsche Schlüpfer für Pakistan

Recycler Lammert
Recycler Lammert

Altkleidersammler werden so misstrauisch beäugt wie ansonsten nur Immobilienmakler oder Hütchenspieler. Die ganze Branche leidet unter einem anrüchigen Image. Zurzeit fragen sich engagierte JournalistInnen, ob deutsche Altkleider nicht Arbeitsplätze in der dritten Welt vernichten. Als wenn das nicht reicht, stecken die Pioniere des weltweiten Handels zudem in einer schweren strukturellen Krise: Die Qualität der Textilien wird immer schlechter, so dass sich die gesammelte Ware kaum noch weiterverkaufen lässt.

Horst Lammert winkt mich durchs Fenster in sein Büro. Der 61-Jährige trägt eine Schiebermütze und eine abgesteppte Reiterweste mit Ferrari-Emblem. Er ist hier der Chef. Seine „Gesellschaft für Rohstoff-Aufwertung mit beschränkter Haftung“ sortiert seit über 25 Jahren Alttextilien und verkauft sie weiter. Nach der Wende hat Lammert seinen Betrieb von Kreuzberg nach Grödisch im Spreewald verlegt, in eine leer stehende LPG. Sein Büro ist verkramt, es wird viel geraucht. „Die Weste kommt auch aus dem Container“, sagt Lammert und freut sich, „die schönsten Stücke fischen die Damen für mich raus.“ Auch alles, was mit Reiterei und Pferden zu tun hat, wandert ins Büro des Pferdenarren: Reiterkappen balancieren auf der Heizung – aber alles falsche Größen – und ein Stoffbeutel mit einem aufgedruckten Pferdemotiv hängt am Stuhl. Eine Zeit lang habe er auch Plaids gesammelt, aber das ist vorbei. Man merkt, dass Lammert ein Schatzsucher ist. Kein Hardcore-Messi, aber einer der gerne findet und aufhebt. Was er schon alles in den Kleidersäcken gefunden hat, will ich als erstes wissen. „Ach herrje“, stöhnt er mit großer Geste, „was durch die Klappe am Container passt.“ Das klingt viel versprechend. Doch jetzt steckt ein LKW-Fahrer, der gerade aus Italien gekommen ist, den Kopf ins Büro und grüßt mit freundlichen deutschen Brocken. Lammert hat selbst zwei LKW laufen, die seine Waren in Süd- und Westeuropa verteilen. Mit dem Italiener hat sich ein frecher Hund ins Zimmer geschlichen und springt um meine Beine. Vor 30 Jahren, erzählt Lammert gemütlich bei Kaffee und Zigarette, hat er auf dem Trödelmarkt angefangen. Das habe noch viel Spaß gemacht damals, schwärmt er. Dann betrieb er in Berlin zwei Secondhand-Shops: gegenüber der Nationalgalerie und in der Sonnenallee, in dem pro Kilo bezahlt wurde. Bis heute verkauft er die besten Stücke aus seinem Sortierbetrieb in Eigenregie, in einem Secondhand-Shop in Weimar. Das Haus, in dem sich das Weimarer Ladengeschäft befindet, gehört ihm mittlerweile. Es ist sein Geburtshaus. „Ich führ sie mal rum“, sagt er dann, bevor ich mehr über all die Dinge erfahre, die er schon gefunden hat. Fürs Sortieren braucht man erstens ein System und zweitens viel Platz. Hier in den ehemaligen Scheunen, Ställen und Lagerräumen gibt es mehr als genug Platz. Gearbeitet wird auf zwei Ebenen in der alten Kartoffelsortieranlage. Nebenan presst eine moderne Maschine Stoffe zu unhandlichen Ballen, dahinter – das war eine Scheune oder die Garage für den Fuhrpark – ist jetzt das Zwischenlager für Tausende bunter Matratzen, Decken und Stoffballen. Lammert steigt mit mir zum oberen Stockwerk der Kartoffelanlage. In grellkalten Neonspots stehen Sortiererinnen in einer Landschaft von Bergen aus Mänteln und Mützen, Seen von Socken und Schürzen, Türmen aus Plastiktonnen und Paletten. Es müffelt wie in einem lange nicht belüfteten Kleiderschrank. Trotzdem ist es recht kühl und das hat einen einfachen Grund: „Wenn ich die Heizung etwas runter drossel, dann arbeiten sie schneller“, steckt mir der Hausherr im Verschwörerton. Völlig arglos ob der Vorurteile gegen sein Gewerbe führt mich Lammert in alle Winkel seines Recycling-Reichs. Er erinnert mich an den Trigema-Chef aus der

In Fahnen eingenähte Textilienballen
In Fahnen eingenähte Textilienballen

Fernsehwerbung, wenn der durch die Reihen seiner Näherinnen schreitet: „Wir produzieren ausschließlich in Deutschland…“ Im ersten Sortiergang werden 70 Arten von Bekleidungsstücken unterschieden: Hosen, Mäntel, Jacken, Unterwäsche, Schuhe, Gürtel, unbrauchbares und so weiter. Im nächsten Schritt wird feiner und nach Qualität unterschieden; 200 verschiedene Tonnen und Paletten stehen dafür bereit. Dabei wird auch überprüft, ob alle Knöpfe an der Jeans sind, der Reisverschluss am Abendkleid funktioniert und keine fetten Flecken sichtbar sind. Reparatur oder Reinigung sind nicht drin. Alles zu waschen und zu trocknen wäre mit zusätzlichen Kosten von 40 Eurocent pro Kilo viel zu teuer. Auf eine Mitarbeiterin ist Lammert besonders gut zu sprechen: „Die hat einfach einen Sinn für Hübsches, denn das kann man nicht lernen. Die weiß, was ein bisschen schick ist und modern.“ Ihr gutes Gespür für modische Artikel sei so ausgeprägt, dass einzelne Secondhand-Läden nur noch die Ballen kaufen wollen, die sie sortiert hat. Denn das modische Know-how der angelernten Sortiererinnen ist von größter Bedeutung. Sie entscheiden, was in die Shops kommt und was zu Putzlappen für die Autoindustrie zerrissen wird oder gar zu Fasern aufgeweicht und zu neuen Stoffen oder Papier verarbeitet. So manche Rarität kann da schon mal durchrutschen und zersäbelt werden. „Ihr solltet alle einmal die Woche zum Ku’damm fahren und euch die Mode in den Schaufenstern angucken“, empfiehlt Lammert den angelernten brandenburgischen Damen, „damit ihr wisst, was in ist.“ Dabei vollzieht sich die modische Entwicklung beim Alttextil naturgemäß zehn bis 20 Jahre verspätet. Oft finden sich auch noch ältere Klamotten in den Ladungen, mitunter original verpackte Stofftaschentücher aus den 60ern oder Strumpfhosen aus den 70ern, auf denen wollüstige Blondinen abgebildet sind. Weil die GRA auch regelmäßig vom Deutschen Roten Kreuz in Frankfurt/Oder beliefert wird, stecken viele DDR-typische Artikel in den Säcken: ärmellose Haushaltskittel burschikoser Sozialistinnen, Einkaufsbeutel in allen Braun- und Grautönen aus Dederon, Vollplastiktischdecken. „Nylonstrümpfe werd ich neuerdings nicht mehr los“, stöhnt Lammert und zeigt auf einen Ballen an der Hallenwand, an dessen Seiten bizarr verrenkte Strumpfbeine kleben. Überhaupt wird das Geschäft mit alten Kleidern immer schwieriger. 1999 waren es noch 66 Mitarbeiter, die in drei Schichten sortiert und verpackt haben, heute sind noch 14 übrig. „Ein großes Problem für unsere Branche ist die Zusammensetzung der Originalsammelware“, erklärt Alexander Gläser, Geschäftsführer des Fachverbandes Textilrecycling, der rund 70 Mitgliedsunternehmen vertritt. Originalsammelware – so heißt unsortierte Altkleidung im Fachjargon, den sich der Jurist angeeignet hat. „Früher, so vor zehn Jahren, waren Zweidrittel des Containerinhalts hochwertige Textilien, die wieder getragen werden konnten, und nur ein Drittel musste recycelt werden“, sagt Gläser, mittlerweile habe sich das Verhältnis umgekehrt. Das Problem sei, dass Recycling kein Geld bringt, sondern im schlimmsten Fall welches kostet. Aus den Textilfasern wird in aufwändigen Verfahren Dachpappe oder Dämmmaterial für Autos gewonnen. Wer hätte gedacht, dass in Boden, Türen und Hutablage jedes Autos 12-15 Kilo Altkleider stecken? Sortierbetriebe würden bislang quer subventionieren und mit den Gewinnen aus dem Verkauf der Secound-Hand-Kleidung das Recycling bezahlen. Zum Vorteil der Verbraucher, die so pro Jahr durchschnittlich zwölf Kilo abgelegte Mode bequem und kostenlos entsorgen. Und zum Vorteil der deutschen Kommunen, die durch das segensreiche Wirken der Verwerter jährlich von rund 1,2 Millionen Tonnen Abfall aus alten Kleidern und Haustextilien entlastet würden. Doch der Anteil der minderwertigen Billigklamotten aus Südost, die kein zweites Mal zu tragen sind und weder in Europa, noch sonst wo auf der Welt als Secound-Hand-Ware loszuschlagen ist, würde immer höher. „Ich schätzte jetzt mal, dass allein in der Bundesrepublik 20 Prozent der Verwerter in den letzten zwei bis drei Jahren aufgegeben haben“, beschließt der Verbandssprecher unser Telefonat, „das waren alles Mittelständler.“ Auch Horst Lammerts Aufwertungsgesellschaft ist Mitglied im Fachverband. Und auch er kann ein Lied davon singen, wie schwer es geworden ist, deutsche Altkleider zu vermarkten. Gerade konnte Lammert einen LKW mit kaputten Jeans loswerden. „Jeans ist ganz schwer zu verkaufen“, sagt er, „für heile bekomme ich höchstens 50 Cent das Kilo.“ Jetzt hat eine Firma hat die Baumwollhosen übernommen, um die Fasern zur Papierherstellung zu verwenden. Bezahlen muss sie nichts, dafür spart Lammert die Kosten für die Entsorgung. Es soll in Porto bei Florenz – früher Europas Umschlagplatz Nummer eins für gebrauchte Textilien – eine chinesische Firma geben, die aus 4-Pocket-Jeans Handtaschen schneidert.

Neben Textilien finden sich auch viele Stofftiere in den Spendenboxen
Neben Textilien finden sich auch viele Stofftiere in den Spendenboxen
und originalverpackte Strumpfhosen aus den 70er Jahren
und originalverpackte Strumpfhosen aus den 70er Jahren

Aber seine Jeansladung war gemischt. Keine italienisch-chinesischen Handtaschen also. „Mit Italien machen wir vor allem Tauschgeschäfte“, sagt er mit einem Anflug von Bitterkeit. Ein LKW bringt eine frische Charge Altkleider auf den Hof. Die meisten Alttextilien erreichen Lammert aus Nord- und Ostdeutschland. Diese Ladung kommt aus Weimar, von einem Familienunternehmen, das jede Woche einmal Sammelware bringt. Vor dem Büro ist Lammerts wichtigstes Arbeitsinstrument in den Boden eingelassen: Die Anhängerwaage. Alle Fahrzeuge, die Textilien bringen, werden vor und nach der Ablieferung gewogen und die Differenz stantepede in bar ausgezahlt. Pro 1,5 Tonnen unsortierte Altkleider frisch aus dem Container gibt es 150 Euro. Für den Sortierer wird es jetzt spannend – jede Lieferung ist eine kleine Wundertüte. Was werden die „Damen“ darin finden? Designerklamotten, halbwegs verwertbare Sachen oder Müll? Manchmal sind Essensreste, Batterien und Weinflaschen, sogar volle Windeln darunter – das kann schnell eine ganze Ladung vernichten. Besonders freut man sich hier über gut erhaltene Schuhe, Tischdecken, Unterwäsche, Büstenhalter, Gardinen, Federbetten und Nerzkragen von teuren Mänteln, denn all diese Sachen können gut verkauft werden. Schuhe gehen in die Ukraine, Unterwäsche nach Pakistan, Nerzkragen für 1,75 Euro nach Italien, dort werden sie zu neuen Mänteln zusammengesetzt. „Das sind Künstler, die Italiener“, sagt Lammert voll Bewunderung, „und alte deutsche Gardinen nähen die da an Brautkleider an.“ Auch Geld hat er schon mal gefunden: Einmal 3.000 und einmal 4.000 Mark innerhalb einer Woche. In einer anderen Fuhre war ein alter Zylinder, ein Chapeau Claque, den man zusammenpressen kann. Sogar Dildos und Seemansbräute fand er schon. Und einmal, Lammert senkt die Stimme, auch ein menschliches Embryo. Nur rund zwei Prozent der verwendbaren Alttextilien werden als gebrauchte Kleidung in Second-Hand-Läden verkauft. Nicht nur in Weimar, auch in Berlin. Zum Beispiel bei „Trau Dich, verzier Dich“ in der Riemannstraße 4 in Kreuzberg. Inhaberin Elke Bremer mag auch privat alte und ausgefallene Sachen: „Ich bin kein Sammler, der Dinge aus bestimmten Jahrzehnten hortet nach dem Motto ‚Boa, das ist jetzt wunder was wert, weil das jetzt pipapo ist’, sondern ich mag einfach das Styling: phantasievoll typgerecht und wenig uniformiert.“ Sekond-Hand-Klamotten haben für Elke einfach mehr individuellen Charakter, als die Sachen von H&M, die millionenfach in den Filialen hängen. Das sich die Qualität der Textilien verschlechtert, ist auch ihr aufgefallen: „Am besten sind noch die Sachen aus den 50er Jahren, so qualitätsvolle Stoffe kriegt man heute gar nicht mehr.“ Und trotzdem seien gerade die Berliner kaum bereit, für ausgewählte Teile einen angemessenen preis zu bezahlen. Ihr Hauptgeschäft macht sie deshalb mit Touristen aus Italien, Frankreich und Skandinavien. Die seien so begeistert von den Kleidern und Accessoires, dass ihre Retro-Boutique danach leer gekauft sei. Überhaupt sei Sekond-Hand ist eine gute Alternative zu Designerlabels: „Man hat was Schönes an, ohne einen Haufen Geld ausgeben zu müssen“, sagt Elke. Im Nachbarland Polen findet gerade eine Emanzipation in die entgegen gesetzte Richtung statt. Dort hat man genug von zweiter Wahl und zweiter Hand. Was Altkleider angeht, kriegt Polen jetzt nur noch erste Qualität. „Die sind gerade von der zweiten in die erste Liga aufgestiegen“, erklärt Großhändler Lammert, „was anderes läuft da nicht mehr.“ Der Rest geht in den Export in die armen Länder in Afrika, Südamerika und Osteuropa. In der Regel zu unterschiedlich großen Ballen gepresst: 22,5 Kilo schwere Pakete gehen von Gröditsch nach Chile, dort übernehmen Kleinhändler die verschnürten Ballen mit unbekanntem Inhalt und verkaufen sie in ihrem Dorf. Schwerere Ballen werden an Zwischenhändler in Afrika verkauft. Der gezahlte Preis variiert dabei nach Region und Aufkäufer, und er steigt oder sinkt in starker Abhängigkeit zum Dollarkurs – denn der Alttextilmarkt ist längst globalisiert. Und auch darin steckt für die deutschen Verwerter aktuell ein Problem: Die Hauptabnehmerländer Afrikas und des nahen Ostens ordern im Moment vorrangig amerikanische Sekondhand-Ware, die wegen des niedrigen Dollarkurses deutlich günstiger zu haben ist als die abgelegten Textilien der Europäer. Doch gerade dieser Handel mit den ärmsten Ländern der Welt wird zuweilen kritisiert, weil dadurch die einheimische Textilproduktion geschwächt würde. Befürworter des Handels mit Altkleidern wie der Fachverband Textilrecycling oder der Dachverband FairWertung, den Altkleider sammelnde, katholische Organisation 1994 gründeten, gehen dagegen davon aus, dass Sekond-Hand-Ware Nischenmärkte für Menschen bedient, die sich keine Neuware leisten können. Zudem würden Arbeitsplätze im Importland beim Zwischen- und Einzelhandel sowie bei der Aufarbeitung geschaffen. In der Studie „Dialogprogramm Gebrauchtkleidung in Afrika“, die FairWertung mit Förderung des evangelischen Entwicklungsdienstes erstellt hat, heißt es: „ Immer wieder wiesen afrikanische Partner auch auf die große Rolle hin, die der Gebrauchtkleiderhandel inzwischen für die Beschäftigung spielt. Gerade Jugendliche und Frauen, die auf dem regulären Arbeitsmarkt keine Chance hätten, finden hier eine Verdienstmöglichkeit.“ Die Entwicklungspolitik solle den Gebrauchtkleiderhandel als Teil des informellen Wirtschaftkreislaufes im Rahmen von Entwicklungsstrategien zur Armutsbekämpfung anerkennen und gerade die Kleinhändler gezielt fördern. Ohnehin entstamme das Gros der Neukleidung in vielen Ländern inzwischen aus Asien, nicht aber aus einheimischer Produktion. Für Hilfsorganisationen, deren Namen auf Sammelcontainern prangen, bleibt die Altkleiderfrage dennoch heikel, weil sie etwas tricksen. Weil die Leute, die ihre alten Klamotten loswerden wollen, eben auch noch ein gutes Gefühl bekommen sollen. Und das geht so: Der Sammler, der die Container im öffentlichen Straßenland aufstellt (wofür er den Kommunen in der Regel eine Gebühr bezahlt), mietet von einer Hilfsorganisation dessen Logo und zahlt der dafür monatlich eine Entschädigung, die nach Region und Anzahl der Container, Größe der Hilfsorganisation usw. stark variiert. Die Entschädigung spielt sich im Rahmen von zweihundert oder dreihundert Euro ab. „Die wurden in der letzten Zeit stark gedrückt“, gibt Lammert zu. Trotzdem können die Hilfsorganisation mit den Einnahmen aus dem Etikettenschwindel mehr anfangen, als mit dem Inhalt der Container – denn der Aufwand für Sortieren, Lagern und Verteilen an Hilfsbedürftige wäre viel zu groß. Oliver Numrich

Sie traut sich
Sie traut sich
Elke vom Laden "Trau Dich"
Elke vom Laden

Polen gehört jetzt zur EU: Bye-bye Butterfahrt

Ute heißt unser Ausflugsdampfer
Ute heißt unser Ausflugsdampfer

Bis 30. April konnten Berliner für 5,99 Euro ganztägige Lustreisen gen Osten unternehmen und dabei zollfrei Zigaretten und Schnaps einkaufen. Seit dem 1. Mai 2004 sind die Nachbarländer Polen und Tschechien EU und Butterfahrten Geschichte. Oliver Numrich hat an einer finalen Drogeneinkaufstour teilgenommen.

6:15 Uhr, Ku‘damm, Ecke Kranzler. Auf dem viel besungenen Trottoir stehen die Ausflügler in kleinen Grüppchen im Nieselregen und warten. Ihr Durchschnittsalter liegt deutlich über 60, das Durchschnittsgewicht etwa 20 Kilo über dem Ideal. Als die grün-blauen Holiday-Busse anrauschen bilden sich sofort Schlangen vor den Einstiegsluken. Von hinten wird kräftig geschoben und gemotzt: „Macht mal voran da.“ Als sich ein greises Mütterchen mit Gehstuhl und schiefer Perücke seitlich heranpirscht, stützt eine Mitreisende den Arm gegen die Buswand und versperrt den Weg: „Wir warten hier alle.“ Minuten später quält sich die resolute Butterreisende selbst den Einstieg hinauf, und als sie auf halber Strecke das Gleichgewicht verliert, müssen die grauhaarigen Hintermänner abstützen und pressen und schieben sie in den Doppeldecker. Den an der Bordpentry lehnenden Busfahrer juckt das nicht, er guckt dem Treiben ungerührt zu. Bei ihm muss jetzt und hier am Einstieg der Fahrpreis von 5,99 Euro bezahlt werden. Wer 6,- Euro gibt, kriegt zwar keinen Cent zurück, doch das Geschäft lohnt sich trotzdem: Der Preis enthält nicht nur den Bustransfer zum Anleger in Ueckermünde und die Schiffsrundfahrt im Stettiner Haff. Es ist auch ein Begrüßungsdrink, Mittagessen an Bord (Was wird es geben?) und ein mysteriöses Reederei-Geschenk inkludiert. Dass den Fahrgästen Geschenke versprochen werden, kennt man eigentlich nur von Verkaufsfahrten und es könnte ein Hinweis für den kritischen Geiz-Touristen sein, dass es hier nicht vordringlich um landschaftliche Naturschönheiten geht. Tatsächlich bekommt das Busunternehmen von der Reederei pro Fahrgast, den es am Anleger abliefert, eine Kopfpauschale, und kann die Tour dadurch so preiswert anbieten. Die Reederei ihrerseits holt sich das Geld von den Reisenden im Duty-Free-Shop zurück. Denn mitnichten ist das Stettiner Haff das Ziel der Beschaffungstour, die sich als Ausflug tarnt. Ziel ist einzig der Spätkauf mit der verlockenden steuerfreien Warenpalette. Was in den 50er Jahren bei der Einführung des zollfreien Einkaufs ein erfreulicher Nebeneffekt war, ist für meine nikotinsüchtigen Mitreisenden einziger Anlass der Reise. Nachdem ich mehrmals von Senioren abgedrängt wurde, besteige ich den Bus und ahne, warum es so lange dauert: Der schnauzbärtige Fahrer durchkämmt bei jedem Neuzugang eine mehrseitige Namensliste und hakt ab oder sagt: „Ne, se sitzen im andern Bus.“ Denn in diesen, den letzten Tagen der Butterfahrt, starten bis zu vier vollbesetzte Fahrzeuge Richtung Nordost-Vorpommern. Pechvögel müssen mehrmals anstehen, bis sie den vorgesehenen Sitzplatz erreichen – so was sagt einem auch keiner vorher. Mir wird 7A im Oberdeck des „Komfortreisebusses mit WC“ zugewiesen. Dort ist es klaustrophobisch eng, denn nach vorne scheint der Bus sich noch zu verjüngen, wird immer niedriger. Auf dem Platz neben 7A sitzt bereits die voluminöse Dame mit dem Absperr-Arm. Sie trägt eine Capri-Jeans, aus der champagnerfarbende Stützstrümpfe ragen, liest B.Z. und füllt ihren Reiseplatz komplett aus. Dass während der Fahrt die Sitze am Gang noch fünf Zentimeter zur Seite geschoben werden können, hilft überhaupt nichts, versperrt lediglich den einzigen Fluchtweg. Wie blanker Hohn erscheint die neue Busgurtpflicht – es gibt ohnehin kein Entrinnen. Bevor wir Berlin verlassen haben, kriege ich Genicksteife vom seitlichen aus dem Fenster Sehen.

Gute Stimmung auch im Rauchersalon
Gute Stimmung auch im Rauchersalon

Auf 6C wird derweil eine mitgebrachte Frikadellenbox geöffnet, die sie sofort ihr kräftiges Zwiebel-Fett-Aroma verströmt, und unter den Mitgliedern einer kleinen Reisegruppe bestehend aus drei Ehepaaren herum gereicht. Hinter mir auf 8A und B wird ohne Unterlass gestritten: „Wenn du nur einen Tag den Schnabel halten würdest und nicht rummotzen, das wär was. Sage ich mal was…“ <> „Du meckerst ja immer!“ <> „Wenn ich mal was sage, dann (in weinerlichen Tonfall) ‚Das hab ich nicht verstanden‘. Ich möchte dich mal sehen, wenn Du immer ‚häh‘ zu mir sagst.“ <> „Häh, was sag ich?“ <> „Du guckst jetzt aus dem Fenster und sagst kein Wort mehr…“ Es sind vor allem einfache Leute, die diese Tour machen. Leute mit wenig Geld, die so wirken, als seien sie schon oft zu kurz gekommen in ihrem Leben und als wollten sie sich jetzt nichts mehr vergeben. Auch keine Höflichkeit. Nach einer kurzen Begrüßungsdurchsage, in der sich unser Chauffeur als Dieter vorstellt und den weiteren Reiseverlauf skizziert, plärren gruselige Radiosender aus dem hifi-technisch top-ausgestatteten Luxusbus: erst Spree-Radio, dann Antenne Brandenburg, danach die von Mecklenburg-Vorpommern. Bei allem Ungemach wird Service im Bus ganz groß geschrieben. Auf Knopfdruck quält sich die burschikose Hostess Heike, 50, schwarze Lederhose, durch die Reihen und erfüllt dem Komfortreisenden fast jegliches Begehr: Bier gibt es, Wasser und Kaffee. Letzterer wird aber erst ab Autobahn serviert, denn in der Stadt schwankt es im Oberdeck wie auf einem Hochseekutter. Es ist acht Uhr, als bei ihr die ersten drei Berliner Pilsener-Flaschen für drei Euro geordert werden. 7B isst derweil Dosen-Waffelröhrchen von Lidl und schwelgt mit der anderen Gangseite in Lutschbonbon-Phantasien; Süßwaren wie gefüllte Fasermint-Schokolade, Riesentafeln Milka oder Englisches Weingummi sind Butterfahrt-Klassiker. Im Bus der Nikotinreisenden herrscht totales Raucherverbot, deshalb steht nach kurzer Fahrt die erste Zigarettenpause an: Alle fahren die Sitze nach innen, stehen mit eingezogenem Kopf im Gang und drängeln wieder, diesmal nach draußen. Zäh tröpfelt der Tross die Treppe herunter, zweiteilt sich in Richtung Rasthof-Windfang und Pachttoilette. Zwar steht auch eine bordeigene Toilettenkammer zur Verfügung, jedoch würde kaum ein Mitfahrender hineinpassen. Nach einer hastigen Kippe in morgendlicher Kühle geht es weiter. Hinter der Autobahn kommen wir an vereinzelten Plattenbauten, einem Baumarkt-Center und scheinbar endlosen Kasernen vorbei. Die letzte Strecke kurvt der Omnibus durch die waldige Ueckermünder Heide, als Dieter ein verlockendes Angebot macht: „Auf der Rückfahrt bieten wir wieder unsere leckere Wurscht an. Die Heike kommt jetzt mal und fragt, wer alles ne schöne, dicke Wurscht haben möchte, damit wir das passgenau vorbereiten können. Kostet 1,30.“ Gegen 9:30 Uhr erreichen wir Ueckermünde. „Und wir sind wieder mal die ersten“, verkündet Dieter stolz per Durchsage. Die Fahrgäste trampeln und tuscheln anerkennend: „Ja, die anderen sind noch nicht da.“ Jeder weiß: Der erste Bus sein bedeutet freie Platzwahl an Bord der Fähre. Das ist jetzt, wo die letzten Duty-Free-Dampfer auch schon mal überbucht sind und Sitzplätze fehlen, besonders wichtig. Mit der strengen Warnung, auf der Heimreise im Bus keine Fischbrötchen zu essen, entlässt uns Holiday-Dieter in die Arme der Mitarbeiter der Reederei Peters, von denen uns zwei direkt vor dem Bus erwarten. Jetzt erhalten wir die vier verschiedenen Gutscheine für Schifffahrt, Begrüßungsdrink und so weiter. Die Pappbillets sind schon reichlich abgegriffen, zum Glück treten sie mit uns zu ihrer letzten Reise an. Die winzige Zollbude in der kleinen Hafenbucht lässt die Alten anstandslos ausreisen. Nur der Ausweis eines anderen dreißigjährigen Mannes und meiner werden für ein paar Minuten von den Beamten einbehalten und durch den Computer gejagt. Offenbar besteht für uns beide kein Haftbefehl und wir dürfen einschiffen auf der MS Ute.

Begleiter
Begleiter

Die Zeit steht still auf der Nikotin-Galeere
Die 20-jährige Ute ist 38 Meter lang, 12 Meter breit, hat einen Tiefgang von 2,50 Metern und eine Motorleistung von zweimal 419 Kilowatt. In zwei Raucher- und einem Nichtrauchersalon befördert sie bis zu 300 Personen. Im Eingangsbereich stehen Geldspielautomaten, im unteren Salon für die Raucher spielt ein Alleinunterhalter „Man müsste noch mal 20 sein, Junge, was wär‘ das schön…“. An zwei Tresen gibt es Bier für 1,50 Euro, Kaffee für 1,40 Euro, beides plus 50 Cent Pfand. Trinkgelder sind die Ausnahme. Die Reederei Peters GmbH & Co KG hatte neben der Ute noch das gleich große Schwesterschiff „Liivi Laht“ im Rennen. Beide sind zum 1. Mai verkauft, fast alle Angestellten zum selben Stichtag beim Arbeitsamt angemeldet. Das Ende ist nahe und deshalb wird nicht mehr investiert: Ute wirkt runtergewirtschaftet, die einfachen Holzstühle haben keine Kissen, Nikotinschwaden durchwandern alle Räume, viele Fensterscheiben, durch die wir das Stettiner Haff genießen sollen, sind blind. Dabei hat das 260 km² große Landschaftsschutzgebiet Stettiner Haff was zu bieten: Die Küstenregion ist mit allen Freuden des Wassersports und Badewesens wie Sandstränden, Badebuchten, Bootsanlegestellen und so weiter gesegnet. Es grünt an ihren Gestaden – mit Ausnahme der Stellen, an denen gespenstisch weiße, abgestorbene Bäume auf dem Uferstreifen stehen. Die Bäume sind vom Kot Hunderter Kormorane verklebt, die hier nach Fische jagen. Ich bekomme einen Platz im kargen Nichtraucher-Salon, der von den ältlichen Drogenkurieren bevorzugt wird, die die Zigaretten für andere beschaffen. Mit mir am Tisch sitzt ein Pärchen, das sich auf den ersten Blick abhebt: beide um die 60, aber er trägt ein Hemd und sie Goldschmuck und Lippenstift. Trotzdem genießen beide mit Hilfe von Gutschein Nr. 2 einen violetten, süßlichen Pflaumenschnaps als Begrüßungsdrink. Dazu wird von vielen Fahrgästen ein frisches Matjesbrötchen als passend empfunden. Das kostet 1,80 Euro und schmeckt  tatsächlich köstlich. Während der Fahrt ärgert sich das Snob-Pärchen mit dem Kreuzworträtsel der BILD-Zeitung: „Was ist denn Apfelwein?“<>„Sze, ih, de, er, e.“<>„Und hier, Gestalt der deutschen Heldensagen? Sigrid passt nicht.“ Während wir gemächlich über die Uecker in Richtung Haff gondeln, komme ich ins Gespräch mit meinem Sitznachbarn Werner. Der Witwer ist 87 und aus Berlin, reist mit seiner Altersheimfreundin Gerda, 85. Früher war Werner BVG- und Taxifahrer in Berlin, heute bezahlt ihm das Sozialamt die Heimunterbringung. Er nimmt jede Woche an ein oder zwei preiswerten Ausflugsfahrten teil, im Moment konzentriert er sich ganz auf die letzten Butterfahrten, um noch so viele Zigaretten wie möglich ranzuschaffen. Dabei ist er selbst Nichtraucher, aber er vertickt den zollfreien Tabak an abhängige Mitbewohner weiter und macht damit pro Stange zwischen acht und zehn Euro Gewinn. So hat er die Fahrtkosten samt Matjesbrötchen wieder raus und trotzdem sind die Rauchwaren für die Heimbewohner immer noch billiger als am Kiosk. Damit ist jetzt Schluss. Zwar könnte Werner sich darauf verlegen, zukünftig mit polnischen Zigaretten zu handeln, die preiswerter sind als die deutschen. Aber in diesem Fall macht der Preisunterschied nicht die Steuerersparnis, sondern die Qualität aus. Werden jetzt Tabakwaren aus deutscher oder wenigstens westeuropäischer Produktion auf den Ausflugskuttern verkauft, sind die Zigaretten aus Polen und den anderen osteuropäischen Staaten von anderer Güte. Seine Kunden, erzählt Werner, schmeckten die polnischen Zigaretten nicht. Außerdem geht das Gerücht, man bekomme von ihnen Ablagerungen in der Speiseröhre, die operativ entfernt werden müssten. Deutsche Glimmstengel sind natürlich gesünder… Als wir die Ueckermündung verlassen, öffnen sich endlich die Türen zum Kleinpreisparadies und es bildet sich eine Schlange quer durch den Raum. Auch Werner und ich stellen uns an, um nichts zu verpassen. Es geht eine steile Treppe hinunter im Heck des Schiffs. Hinter mir wartet eine vielleicht 70-jährige Frau. Stufe um Stufe fällt sie voran, im schmerzverzerrtem Gesicht steht „Auch ich habe ein Recht auf billige Zigaretten.“ Denn auch die Lahmen und Fußkranken müssen die letzten Meter selbst zurücklegen – es ist wie eine peinigende Wallfahrt. Endlich darf ich einen Einkaufskorb nehmen. Im fensterlosen Intershop werden die Duty-Free-Klassiker in aschfahlem Neonlicht präsentiert. Gleich am Eingang liegen Hunderte der begehrten Zigarettenstangen in Metallregalen. Eine Stange „West“ kostet 10 Euro, „Marlboro“ 12, No-Name-Zichten gibt es ab 8. Für euch, blöde Stangen, also der ganze Aufwand, das frühe Aufstehen, die schreckliche Busfahrt, Gefangenschaft auf der Galeere und all das Gezänk. Pro Kopf dürfen 200 Zigaretten zollfrei eingeführt werden, also einer Stange. Dazu kommen die Stangen, die Werner auf nichtrauchenden Begleiter verteilt und die losen Zigarillo-Schachteln, die er in Jacken- und Hosentaschen schmuggelt. Auch ich nehme eine Stange von ihm auf mein Kontingent. Es folgen Spirituosen und Bier, Schokoladen und Gummibärchen in Großpackungen, ein paar Produkte aus dem Bereich der Nahrungsmittelergänzung wie Magnesium-Sprudeltabellten für 51 Cent und als kaum beachtete Bückware kurz vor der Kasse Seife, Kaffee und die Namenspatronin: Markenbutter. Ich kaufe ein Fläschchen „Danziger Goldwasser“ für 6,90 Euro. An der Kasse gibt es gegen Gutschein Nr. 3 das Reederei-Geschenk: Eine Dose Wiener Würstchen von Aldi. Der Parfüm-Shop im Oberdeck erfreut sich dagegen keiner großen Beliebtheit. Bei Bedarf eilt eine Mitarbeiterin aus der Kombüse herbei, um Düfte vorzuführen. Pour homme gibt es auch nur noch Aftershaves. Wer was von Gucci kauft, kriegt den Tester gleich mit dazu, denn der wird nicht mehr gebraucht. Aber kaufen tut dann doch keiner, trotz Preissenkungen. Also hetzt die patente Verkäuferin und Köchin wieder zurück und kümmert sich ums Mittagessen. Gegen 11.30 Uhr ist es an der Zeit, den letzten verbliebenen Gutschein Nr. 4 bereit zu halten: Das Mittagessen wird aufgetragen: Es gibt für jeden einen Teller mit einem Königsberger Klops, zwei Kartoffeln und einem Klecks Weißkohlsalat. Als dem Mütterchen mit Gehstuhl serviert wird, ruft sie „Bitte einpacken!“<> „Eingepackt wird nicht“ schallt es vom Steward zurück. „Ich darf kein Rind und kein Schwein essen!“ erklärt sie in den Raum, als er längst wieder zum Nachschub holen verschwunden ist. Trotzdem argwöhnisches Getuschel und Kopfschütteln an allen Tischen: „Pö, haste das jehört: Darf keen Rind und keen Schwein essen. Soll se doch zu Hause bleiben!“ Wir erreichen den Hafen von Swinemünde. Kaum einer blickt nach draußen. Was gibt es da schon zu sehen, das Ufer sieht ja auf beiden Seiten der Grenze gleich aus. Nicht mal im Hafen von Swinemünde lässt sich viel mehr als der Rest einer abgewrackten polnischen U-Bott-Flotille ausmachen, weil unser Schiff nur einem industriellen Seitenhafen festmacht, um die Hafengebühren zu sparen. Von der Reeling aus beobachten ein paar Nikotinleichen, wie ein Mitarbeiter der Hafenverwaltung – vielleicht auch ein polnischer Zollbeamter – ins Schiff steigt. Die Lautsprecherdurchsage erklärt uns, dass bürokratische Zollformalitäten zu erledigen sind und der Shop so lange leider schließen müsse. In diesen Minuten erreicht die Fahrt ihren traurigen Tiefpunkt: Theoretisch sind wir jetzt in Polen, praktisch sehen wir nichts; sind nur gestrandet an einem Industriehafen ohne menschliches Leben. Die Zeit steht still: Willkommen in der EU. Und der Shop ist auch geschlossen. Dann endlich: Leinen los für die Rückfahrt. Es ist 14:30 Uhr und die Gespräche im qualmenden Salon tristesse werden lauter, die Biere und der Sauerstoffmangel lassen die Stimmung steigen. Irgendwo gibt es Ärger, weil ein Duty-Free-Kunde eine so eben gekaufte Schnapsflasche leert – das ist natürlich verboten, Korkgeld wird fällig. „Guck mal“, sagt Werner zu seiner Begleiterin und zeigt aus dem Fenster: „polnische Möwen.“ Auch für sie wird das Überleben schwerer, wenn die Tagestouristen ausbleiben und nicht mehr mit Brot und Zigarettenstummeln nach ihnen werfen. Wenn es keine Butterfahrten mehr gibt, wollen Werner und Gerda wieder mehr mit der Bahn fahren. Durch ihren Behindertenausweis kann er als Begleiter mit, dann ist es bezahlbar. „Ja, ja, Holiday hat auch schon umgestellt,“ krächzt er im Berliner Fistelton, „die fahren jetzt viel in den Harz, für 10 Euro nach Quedlinburg. Ich hab uns schon angemeldet.“ Oliver Numrich

Keine Butter gekauft
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