Rattenfänger: Expo Guide verschickt Abzockbriefe aus Mexiko

Plakat 650 Jahre Rattenfänger in Hameln
Rattenfänger von Hameln (Plakat aus den 1930er Jahren)

Das Anschreiben an meine Firma mit dem Briefkopf der „Reed Exhibitions / Moderner Staat Berlin“ sieht harmlos aus: Unter dem Datum steht „Status: nicht geprüft“, darunter das Betreff „Datenkontrolle / Ablauf der Gültigkeit“, dann der unspektakuläre Text: „Ihre aktuell gespeicherten Daten entnehmen Sie bitte dem beiliegenden Formular… Aktualisierung im Ausstellerverzeichnis… nach erfolgter Änderung und Freischaltung wird ihr kostenloser Eintrag angezeigt und im Suchergebnis vorgereiht…“ Auf einem gesonderten Blatt ist ein Formular: Nur schnell die eingetragenen Angaben prüfen und abschicken, denke ich mir. „Wir führen Ihren bis dato kostenlosen Eintrag unter folgender Veranstaltung“ heißt es über den Angaben. Richtig, ich erinnere mich, ich war mal auf der Messe „Moderner Staat“, die von Reed Exhibitions veranstaltet wurde – die haben mich noch im Verteiler, alles klar. Als ich schon angesetzt habe, einen Fehler im Formular zu korrigieren, lese ich doch noch mal das Kleingedruckte weiter unten. Und jetzt kommt’s: Das Ganze ist ein Auftrag für den Eintrag in den „Expo Guide“ ein Onlineverzeichnis unter http://www.expo-guide.com zum Preis von sage und schreibe… „Rattenfänger: Expo Guide verschickt Abzockbriefe aus Mexiko“ weiterlesen

Unverstandene Zeichen

Beim Goldstar trinken in Tel Avivs angesagtem Wohnviertel Florentine fand ich heraus, dass israelische Lesben die Doppelaxt als emanzipatives Symbol der Frauen-/Lesbenheit nicht kennen. Sie kannten es nicht nur nicht, sie fanden es auch viel zu barbarisch. Das Erkennungszeichen, das hierzulande gern als Anhänger um den Hals getragen oder in die Haut graviert wird, ist dort das Einhorn, wie die Abbildung eines entsprechenden Comic-Covers belegen soll:
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Erdbeeren aus Spanien okay, aber Karotten aus USA?!

Karottentüte_vorneKarottentüteDas erste Mal sah ich die verzehrfertigen Mini-Mörchen im Superstore in San Francisco. Ganz praktisch zum Futtern vorm Fernseher, und süß schmecken sie auch. Später gab es dann noch schmale Apfelscheiben, ebenso fertig gewaschen und verpackt im Bio-Superstore in Los Angeles. Und das zweite Mal sah ich sie dann in Berlin, bei Lidl – oder war es Kaisers? Jedenfalls war es ziemlich genau dasselbe Tütendesign und tatsächlich, auf der Rückseite stand der Beweis: Made in USA. Halten Sie mich nicht für konservativ, aber müssen Möhrchen aus den  USA nach Deutschland gebracht werden? Können deutsche Bauern keine zarten Minimöhrchen ernten, schälen und abpacken? Wie viel vom Ladenpreis (um 1,59 Euro) geht da wohl für den Transport drauf? Andererseits die Erdbeeren kommen ja im Moment auch aus Spanien und werden dann am Beelitzer Spargelhofladen verkauft. Und die Kiwis und all die Exoten werden auch vom anderen Ende der Welt hierher geflogen. Warum nicht auch Möhren…?!

Was zusammen gehört, obwohl es eigentlich nichts miteinander zu tun hat

Es gibt so Tage, da werden einem schon beim Duschen die großen Zusammenhänge der Weltgeschichte klar. Zum Beispiel heute, als ich auf dem Axe-Duschgel las, dass es von Unilever hergestellt wird. Dann habe ich mich mit einer Dove-Hautcreme eingecremt und darauf stand ebenfalls ganz unschuldig und klein auf der Rückseite: Unilever. Gestern abend hatte ich noch die Werbung für Bertolli-Brotaufstrich gesehen und anschließend Spaghetti mit der Bertolli-Nudelsoße verputzt – auch Unilever. Insgesamt gehören folgende Marken zu dem holländisch-englischen Konzern:

  • Lebensmittel: Knorr, Rama, Flora-Soft, Lätte, Du Darfst, Becel, Sanella, Livio, Norda, Biskin, Palmin, Milkana, Bresso, Unox, Lipton, Bi-Fi, Langnese-Iglo, Mondamin.
  • Reiniger & Körperpflege: Omo, Sunil, Skip, Coral, Kuschelweich, Viss, Domestos, Vim, Lux, Sunlicht, Dove, Signal, Axe, Timotei, Brisk, Rexona, Impulse, CD, Mentadent, Elisabeth Arden, Chicogo.
  • Düfte: Arden, Lagerfeld, Chloé, Photo, Kenzo, Fendi, Cerruti, Valentino, Calvin Klein, Obsession, Eternity.

Ist das nun schlimm? Nein, überhaupt nicht. Es ist nur interessant, wie stark mein Leben mit diesem Großkonzern vernetzt ist, ohne dass mir das klar ist. Dasselbe trifft sicherlich auch auf ähnliche Großkonzerne zu wie Nestle (Nescafé, Nespresso, Vittel, Perrier, Mövenpick, Schöller, Alete, Buitoni, Thomy, Maggi, Powerbar, Herta, KitKat, Lion, Nuts, Smarties, After Eight, Choco Crossies) oder Mondelez (Jacobs Krönung, Suchard, Milka, Onko, Tassimo, Kaba, Côte d’Or, Toblerone, Mozartkugeln, Daim, Danone, Lu,  Mirácoli, Philadelphia, Miracel Whip). Meine Erkenntnis des heutigen Tages: Kaufe mehr lokale Produkte, die nicht industriell gefertigt sind, sondern vor Ort entstehen!

Das Musical gegen Proposition 8 (Volksbegehren zur Abschaffung der Homo-Ehe in Kalifornien)

Der Hollywood-Schauspieler Jack Black hat ein großartiges Musical inszeniert, das zeigt, wie willkürlich die  Bibel von  Konservativen ausgelegt wird und dass die Homo-Ehe die Weltwirtschaft retten kann.

Jack Black as Jesus
Jack Black as Jesus

Kann man sich bequem engagieren?

Ein Hauptwiderspruch zwischen „Das Richtige wollen“ und „Das Richtige tun“ ist hiermit gelöst: Engagieren Sie sich einfach per Klick! Das kostet nichts, geht von zuhause aus und zu jeder Tages- und Nachtzeit.  Noch viel besser: Es ist anonym. Das heißt, trotz Angst vor Jobverlust oder der Rache des politischen Gegners können Sie sich im Privaten eine eigene, imperfekte Meinung erlauben. Ich bin ganz begeistert und empfehle Ihnen, so schnell wie möglich auf die Seite von Campact zu wechseln, der Initiative für Kampagne und Aktion (sie selbst nennen es natürlich Campaign und Action). Die Inhalte sind allesamt unterstützenswert, von Atomkraft, über Genfraß bis zur Bahn reicht das Themenspektrum. Noch dazu kommt alles in einem frischen Gewand ohne ideologischen Ballast daher. Wer sich jetzt nicht mehr engagiert, dem fehlt eine vernünftige Ausrede.

„Sprechen wir offen über Ihre Blase“ (Die AOK bezahlt das aber nicht)

Es ist Weihnachten, Heiliger Tag, und ich bin bei meinen Eltern auf Langeoog. Sie sind beide seit Jahr und Tag bei der AOK Niedersachsen versichert und haben schon so manches mit ihrer Krankenkasse erlebt – im Guten wie im weniger Guten. Heute kam die Mitgliederzeitschrift und bestürzte mich: Selten habe ich so eine Ansammlung von Geriatrie- und Abzock-Produkten in einer einzelnen Zeitschrift gefunden. Das setzt sogleich eine endlose Kette negativer Assoziationen in Gang: Sind meine Eltern in dieser Kasse überhaupt gut aufgehoben? Werden sie gut versorgt sein – auch mit zunehmenden Alter? Bekanntlich ist ja auch Gesundheitsministerin UllaSchmidt (SPD) wie die meisten Minister privat krankenversichert – was kann also ich für meine Eltern tun? Kann ich sie nicht zu einem Wechsel in eine Kasse bewegen, die einen weniger kränklichen, leichtgläubigen und betreuungsbedürftigen Mitgliederpool hat wie ihn die AOK-Mitgliederzeitschrift nahelegt?

Was findet man in dem auf dünnem Papier gedruckten Heft? Gestreckt über eine Doppelseite bietet ein Sanitätsversandhandel diverse Gesundheitsprodukte vom „Aktiv Balance Plate“ bis zum „Best-Schlaf-Kissen“ aus Viskose an, deren gesundheitsfördernde Wirkung medizinisch umstritten sein dürfte. Hoffentlich bestellen meine Eltern nichts von dem teuren Schrott. Nicht fehlen dürfen Badewannen- und Treppenlifter in verschiedenen Ausführungen. Ein Hersteller preist sich als der größte (Hiro, Seite 21), ein anderer als der, der am meisten verkauft (Lifta, Seite 39), und wieder ein anderer sucht noch Handelsvertreter (AS Seniorenprodukte, Seite 39). Die angebotenen Klettpantoffel (39,95 Euro) und warmen Winterstiefel samt Gratis-Handtasche (zusammen 29,95 Euro) sind nur einen Augenaufschlag von der Senioren-Nepp-Busreise entfernt, auf denen hilflosen Rentnern Kamelhaardecken zu Fantasiepreisen angedreht werden. Hübsch auch die auf der teuren, rechten Seite 11 platzierte Ganzseitenanzeige eines Pillendrehers, der die Leser auffordert: „Sprechen wir offen über Ihre Blase…“ und weiter unten „begeisterte Kunden“ zu Wort kommen lässt. Zum Beispiel einen Willi Zajonz aus Harsum: „Ich kann länger das Wasser halten.“

Rund 24 der 56 Seiten bestehen nur aus Werbung, die redaktionellen Beiträge sind lahm und bar jeder guten Idee oder neuen Information. Alles wird hübsch garniert mit glatten, lächelnden Gesichtern aus dem Getty-Kaufbilderlager. All das mündet in dem gut versteckten Hinweis der AOK auf der vorletzten Innenseite des Hefts: „Alle in der Werbung angebotenen Produkte stellen keine Empfehlung der AOK dar und gehören nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung. Sie sind somit auch nicht erstattungsfähig.“ Ich will nur hoffen, dass der wdv-Verlag, der das Heft für die AOK produziert, ordentlich Geld damit verdient – damit sich wenigstens einer auf die nächste Ausgabe freuen kann.