Berliner Mythen: Die Heimat der Jockeys und ihrer Rennpferde


Seine königliche Hoheit Wilhelm I. und Reichskanzler Otto von Bismarck sind anwesend, als die Startglocke für das erste Rennen erklingt: Am 17. Mai 1868 wird in Hoppegarten die erste moderne Pferderennbahn Berlins eröffnet. Der im Jahr zuvor gegründete Union-Klub, der das 1.200 Morgen große Areal 20 Kilometer östlich von Berlin für 296.000 Taler gekauft hat, wird per Dekret zum „Verein nach kaiserlichem Recht“. Auf sechs Trainingsbahnen mit 29 Kilometer Gras- und 16 Kilometer Sandbahnen werden jetzt 1.300 Pferde trainiert. Bis zum zweiten Weltkrieg ist die Bahn mit dem „Unionrennen“, dem „Preis der Diana“, dem „Henckel-Rennen“ und dem „Großen Preis von Berlin“ der Mittelpunkt des deutschen Pferderennsports. Die DDR enteignet den aristokratischen Union-Klub, die Rennbahn wird zum VEB „Vollblutrennbahnen Hoppegarten“. „In den ersten Jahren wurden noch viele Pferde aus dem kapitalistischen Ausland gekauft und getauscht“, sagt Martin Rölke, „aber die Russen haben uns die besten wieder abgenommen.“ Der Jockey hat 833 Rennen u. a. auf „Tauchsport“, „Tripple-Crone“ und „Antrieb“ gewonnen, bevor er mit 43 Jahren zu schwer für Pferderücken wurde. Mit 15 wog der gebürtige Sachse bei 1,64 Meter Größe gerade mal 38 Kilo: „In der Straßenbahn habe ich immer nur einen Groschen bezahlt, weil man mich für ein Kind hielt.“ Doch zum Schluss muss er hungern, um unter 60 Kilo zu bleiben. „Ich hätte noch mehr gewinnen können, aber ich hatte keinen Biss mehr“, sagt er knurrig. Jetzt ist er 60 und einer von zehn Pferdetrainern in Hoppegarten. Züchter und große Gestüte lassen ihre Jährlinge hier ausbilden. Die noch keine zwei Jahre alten Jungpferde werden im Herbst eingestellt. Rölke muss sie an Gelände und Startboxen gewöhnen, damit sie im Mai ihre ersten Rennen laufen können. Sieg, Platz, kleiner Einlauf, großer Einlauf – auch in der DDR wurde bei Pferderennen gewettet. Mindesteinsatz 2 Mark 50 Ost, nach oben offen. Wer sich besser auskannte, tippte für 60 und 70 Mark pro Renntag. Doch die Einnahmen aus den Toto-Wetten sind stark zurückgegangen. Auch auf staatliche Subventionen wie zu DDR-Zeiten muss der Union-Klub heute verzichten. Statt 22 Renntagen wie vor der Wende gibt es 2005 nur noch 5, dadurch fehlen Eintrittsgelder. 90% der Besucher kommen aus Berlin, fast ausschließlich aus den östlichen Bezirken. Aber die Berliner gucken bis 11 Uhr aus dem Fenster und prüfen das Wetter: Nur bei schönem fahren sie raus. „Zu Ostzeiten sind uns die Tribünen auseinandergeplatzt, da gab es nichts anderes“, ärgert sich Rölke. “Heute ist das Angebot viel größer, die Rennvereine die haben Kosten und die Wettanbieter im Internet sahnen ab.“ Am 3. Oktober kommen über 10.000 Besucher nach Hoppegarten zum „Preis der Deutschen Einheit“, dem Abschlussrennen dieser Saison. Es könnte die letzte gewesen sein: vier Tage zuvor wurde am Amtsgericht in Frankfurt/Oder das Insolvenzverfahren für den „Union-Klub von 1867 zu Berlin“ eröffnet. Oliver Numrich

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