Berliner Mythen: Die Heimat der Berliner Tramper


Die Eltern und Aktenzeichen XY haben uns immer gewarnt: Steige niemals zu einem Fremden ins Auto! Doch am ehemaligen Grenzkontrollpunkt Dreilinden in Wannsee haben Heerscharen von Anhaltern diesen Ratschlag in den Wind geschlagen: Bis Anfang der Neunziger war hier Deutschlands beliebteste und effektivste Wartestelle für Tramper. Vor allem jüngere Leute, Studenten, Aussteiger, wollten von hier aus in den Westen. Sie standen auf dem Seitenstreifen auf Höhe der Raststätte und hielten Pappschilder hoch: Nürnberg, Hannover, Dortmund. Wenn ein Wagen stoppte, rannten sie drauf los und der Erste klärte an der Beifahrertür die Fahrtrichtung: Entweder es passte oder der Anhalter zog eine Flunsch und blökte etwas wie „Der fährt nur bis Helmstedt“ nach hinten. Dann konnte ein anderer einsteigen, dem das ausreichte. „BMW haben nie gehalten, Mercedes durchaus“, resümmiert  Margarethe Weidner, seit dem 16. Lebensjahr überzeugte Tramperin. Sie kam im Oktober 1989 zum Studieren nach Berlin und fuhr drei bis vier mal im Jahr zu den Eltern ins Sauerland –  immer ab Dreilinden. Mal standen hier nur eine handvoll Menschen,  mal warteten bis zu 30. „Erstmal Richtung Westen zu kommen war hier nie ein Problem“, erinnert sie sich, „obwohl es manchmal nur von einer Raststätte zur nächsten vorwärts ging.“ Schwieriger war es, auf dem letzten Stück im Autobahngewusel von Nordrhein-Westfalen jemanden zu finden, der sie möglichst nah an den Heimatort bringen konnte. Beim Trampen hat sie fast nur gute Erfahrungen gemacht: einer hat sie im Porsche-Cabriolet mitgenommen und bis vor die elterliche Haustür gefahren, ein anderer sein gesamtes Gepäck umgeräumt, damit sich Margarethe und ihre Schwester Simone noch ins Auto quetschen konnten und einer hat vom damals ultramodernen Autotelefon aus die Eltern angerufen, um mitzuteilen, dass es später wird. Die Eltern waren nie begeistert, wenn ihre Töchter getrampt sind: „Macht das doch nicht…“ und haben sie dann doch von der Autobahn abgeholt oder am Warteplatz abgesetzt. Ein paar Mal hat Margarethe auch blöde Anmachen erlebt, ob sie denn noch was vorhabe und so weiter. „A ber wenn ich gesagt habe, ich will raus, dann ließen mich alle sofort aussteigen.“ Irgendwann Mitte der Neunziger hat Margarethe dann aufgehört mit Trampen – immer mehr gute Stelllen zum Warten gingen verloren. Auch die Bahn wurde konkurrenzfähig und schafft jetzt in viereinhalb Stunden die Strecke, für die Margarethe noch einen ganzen Tag einplanen musste. In Dreilinden wurde irgendwann ein Halteverbotsschild aufgestellt, die Polizei verwarnte jetzt haltende Autofahrer und scheuchte Anhalter vom Seitenstreifen. „Obwohl es Stress geben konnte, haben sich immer wieder Autofahrer gefunden, die entspannt anhielten und in Ruhe Rucksäcke im Kofferraum verstauten“, erinnert sich Margarethe.  Am Trampen war gut, dass man ohne Geld reisen konnte, aber für die Studentin war dabei noch etwas anderes wichtig: „Ich hatte davon immer ein gutes Gefühl, weil mir so viele Leute geholfen haben. Einfach so, aus freien Stücken.“ Oliver Numrich

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