Berliner Mythen: Die Heimat der Spione


Ein Staubsauger der Marke Hoover, eine Klimaanlage und modernste Fernmeldetechnik aus den USA: Bauer Noack staunt nicht schlecht, als er am 22. April 1956 in das Loch am Rande seiner Obstplantage im Ostberliner Bezirk Altglienicke guckt. Ein Freund hatte ihn angerufen: „Sag mal, Paul, lässt du dir den Keller von der Armee ausheben?“ Sicher nicht – Paul Noack wusste bis dahin nicht, dass eine der spektakulärsten Spionage-Aktionen der Geschichte auf seinem Grundstück stattfindet. Der CIA und dessen britisches Pendant SIS haben einen 450 Meter langen Tunnel vom Westberliner Ortteils Rudow unter der Sektorengrenze hindurch nach Altglienicke gegraben. Der Geheimgang führt unter Noacks Bäumen hindurch zur Schönefelder Chaussee, neben der sämtliche Fernsprecher- und Telegraphenleitungen von Berlin-Karlshorst nach Moskau verlaufen. „Stopwatch/Gold“ heißt die Operation, die fast sieben Millionen Dollar verschlingt und weltweit für Schlagzeilen sorgen sollte. Zwei Jahre vor seiner Aufdeckung wird mit dem Bau des geheimen Tunnels gen Osten begonnen. Zur gleichen Zeit pflanzt Paul Noack wenige hundert Meter weiter östlich 1.600 Bäume: Äpfel, Pflaumen, Birnen und Kirschen will er hier mal ernten. „Wir hatten da noch nicht auf der Plantage gewohnt“, erzählt Dagmar Feick, Tochter von Bauer Noack und damals zwölf Jahre alt. Der Tunnel nimmt zwar 1955 seine Arbeit auf, doch bevor Top-Geheimnisse aus der SBZ über die Telefonleitungen ausgetauscht werden, verrät Doppelagent George Blake das Projekt an die Russen. Am Morgen des 22. April 1956 lassen die alles auffliegen. Das Gelände wird militärisches Sperrgebiet, hohe Militärs und DDR-Nomenklatura werden nach Alt-Glienicke chauffiert und in den Tunnel geführt. Später wird eine Treppe angelegt, der Tunnel zur öffentlichen Besichtigung freigegeben. „Die haben eine Propaganda-Aktion daraus gemacht“, sagt Dagmar Feick. Nach den Militärs werden Journalisten durchgeschleust und dann jeder, der will: „Das ging den ganzen Sommer so: komplette Brigaden kamen zum Tunnelgucken auf unsere Plantage.“ Als schließlich der Tunnel entfernt und der Boden dazu großräumig aufgebaggert wird, ist fast die Hälfte der Obstplantage zerstört und eine Entschädigung von keiner Stelle zu bekommen. „Der Tunnel hat unsere Lebensplanung damals vollkommen durcheinander gebracht“, klagt das Spionage-Opfer, der Hausbau verzögerte sich um mehrere Jahre. Als 1961 hier die Mauer gebaut wird, geht wieder Ackerland auf einer Tiefe von 100 Metern verloren. Schließlich gibt die Familie auf, verkauft das Grundstück. Letzten Herbst hat Dagmar Feick nach langer Zeit mal wieder das Grundstück besucht, neben dem jetzt die Autobahn nach Schönefeld gebaut wird. Ein paar der alten Bäume stehen noch immer. Sie hat einige Äpfel gepflückt und einen Kuchen daraus gebacken. „Den gab es zum Familienkaffee“, erzählt sie, „von den Bäumen, die mein Vater vor rund 50 Jahren über dem Spionagetunnel gepflanzt hatte.“ Oliver Numrich

Blick in den Spionagetunnel
Blick in den Spionagetunnel

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