Endstation Zuflucht: Obdachlos in Prenzlau


Seit September letzten Jahres nehmen die Johanniter des Regionalverbands Nordbrandenburg der Prenzlauer Stadtverwaltung eine Menge Arbeit ab. Sie haben eine Ausschreibung gewonnen und sind jetzt für die Unterbringung der städtischen Obdachlosen zuständig. Keine Aufgabe, mit der man sich profilieren oder viel Geld verdienen kann. Aber deshalb machen sie es auch nicht. Vier Betten stehen in dem quadratischen Raum mit der Nummer 110, an jeder Wand eins. Am Fußende der Betten gibt es jeweils einen Kleiderschrank, darin ein Fach, in das man Wertsachen einschließen könnte, wenn man welche hätte. Auf dem kleinen Tisch in der Raummitte stehen Kaffeebecher, eine wackelige Etagere mit Obst und Keksen und eine Packung Zigarettenhülsen.

Zimmer 110 ist das Zuhause von Willhelm, 50, und Günther, 55 – zwei Betten sind zurzeit nicht belegt. Willhelm wohnt seit der Eröffnung des Obdachlosenhauses in der alten NVA-Kaserne am Rande des Prenzlauer Gewerbegebiets. Vorher war er bereits einige Monate im städtischen Wohnheim untergebracht, nachdem sein Laubengrundstück neu bebaut wurde. Das wenige Hab und Gut, das ihm geblieben ist, besteht aus ein paar Kleidungsstücken und Lebensmitteln, die er im Schrank stapelt, weil sie nicht mehr in sein Kühlfach im Aufenthaltsraum passen. Dabei hat er schon die Fächer von zwei Mitbewohnern übernommen, die ihre nicht benutzen. Essen ist der einzige Luxus, den Willhelm sich leisten kann, wenn man von Korn und Zigaretten absieht, die kein Luxus sondern Grundstoff seines Lebens sind. Eigentlich herrscht Rauch- und Alkoholverbot im gesamten Haus, doch „die Kunst besteht darin, das richtig zu handhaben“, sagt Einrichtungsleiter Dirk Thadewaldt, 39. Alkoholabhängigkeit sei das größte Problem im Haus, aber auch eine anerkannte Krankheit. Und einem Abhängigen könne man nicht so einfach seinen Stoff entziehen. „Wenn sie hier nicht trinken, gehen sie in die Stadt und trinken da“, verteidigt Thadewaldt die sanfte Linie. Und was auf den Zimmern passiert, könne man eben nicht permanent kontrollieren. Die Zimmer sind Privatsphäre, wenn auch nur eine durch vier geteilte. Bevor Thadewaldt sie betritt, um Sauberkeit und Einhaltung der Hausordnung zu überprüfen, klopft er an, so wie im Hotel. Thadewaldt hat schon als Elektroinstallateur und Strafvorführer bei Gericht gearbeitet, bevor er zu den sozialen Diensten der Johanniter kam. Er ist nicht nur Wächter der Hausordnung, sondern auch Ansprechpartner und Vertrauensperson für die Bewohner. „Ich bin ein guter Zuhörer“, sagt er von sich, „wenn jemand reinkommt und seine Probleme erzählt, kann ich nicht auf stur schalten.“ Doch wenn es Stunk gibt, geht er auch dazwischen und sorgt für Ruhe. „Die meisten kommen wegen zu hoher Schulden zu uns“, erzählt er. Und wer einmal seine Wohnung wegen Mietschulen verloren hat, der bekäme keine neue mehr. Der Wohnungsmarkt in Prenzlau wird von wenigen Wohnungsbaugesellschaften bestimmt und die merken sich, wer nicht bezahlt hat. Doch ohne Wohnung kein Job und damit schließt sich ein Teufelskreis: Alle Bewohner des Obdachlosenhauses sind derzeit arbeitslos. Im Moment leben 15 Menschen in dem zweistöckigen Gebäude, davon vier Frauen, ein Ehepaar und ein Pärchen. „Dazu gehört noch ein Mann und eine weitere Frau, die sonst auch hier wohnen, aber gerade im Knast sind“, ergänzt Thadewald. Frauen und Paare sind im oberen Stockwerk, die Männer unten. Pro Etage steht ein Aufenthaltsraum mit Fernseher sowie Waschräume mit mehreren Handwaschbecken, Duschkabinen und Toiletten zur Verfügung. Auch Waschmaschinen können die Bewohner kostenlos benutzen. Platz gäbe es für bis zu 60 Personen, die Kapazitäten sind zurzeit nicht ausgelastet. Doch einfach bei den Johannitern an die Tür klopfen und um Unterkunft bitten geht nicht. Prenzlauer, die ihre Bleibe verloren haben, müssen bei der Stadtverwaltung einen Antrag auf Unterbringung stellen. Schließlich trägt die Kommune die Kosten in Höhe von monatlich 350,- Euro. Allein davon muss sich das Obdach finanzieren: Das Gebäude unterhalten, die Gehälter von Thadewaldt und Hausmeister Peter Kell bezahlen sowie sämtliche Nebenkosten wie Strom, Wasser und Müllentsorgung bestreiten. Eine durchaus zweischneidige Situation für die Johanniter: Einerseits sind sie bestrebt, ihren Schützlingen den Weg zurück in die Normalität zu ebnen, sie dabei zu unterstützen, eine eigene Wohnung zu mieten oder in eine betreute Wohngemeinschaft zu ziehen. Andererseits gehen ihnen mit jedem Auszug Zuwendungen verloren. „Natürlich muss ich das auf Dauer finanzieren, ganz klar“, sagt Regionalvorstand Ralf Opitz zu diesem Dilemma, „aber unser Engagement ist auch nicht darauf ausgelegt, Erträge zu erzielen.“ Drei mal die Woche kommt auch Steffi Jarmowfke, frisch gebackene Sozialtherapeutin und im Hauptberuf Erzieherin, in die Einrichtung. Ehrenamtlich und immer früh am morgen, ab 7:30, weil die Bewohner dann noch aufnahmefähig sind. Die seelischen Probleme ihrer Klienten aufzufangen ist ihr Hauptanliegen. Dazu macht sie Schuldenberatung, unterstützt bei der Hygiene oder schreibt Pflegeanträge. „Bei manchen ist der ganze Lebenszustand gefährdet“, sagt Jarmowfke, „ich führe die Leute dann dahin, dass sie sich überhaupt von einer Pflegekraft helfen lassen.“ Wenn daneben noch Zeit bleibt, versucht sie, die Bewohner zu aktivieren, Projekte anzuregen, etwa gemeinsam zu basteln oder die kahlen Wände zu dekorieren. Doch noch scheitern diese Vorhaben an der Lethargie der Bewohner. „Ich hatte morgens Bastelmaterial mitgebracht, aber sie waren nicht in der Lage, ohne Anleitung etwas zu organisieren und so schlief unser Projekt Wandgestaltung erstmal ein.“ Oliver Numrich

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