30 Jahre Ta Panta Ri: Zypriotische Willkommenskultur 

Das Ta Panta Ri in der Düsseldorfer Straße feiert nächstes Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Exil-Zypriote Andreas Patsalides hat es 1988 im Charlottenburger Ausgehviertel eröffnet, um den Berlinern seine Heimat und die zypriotische Küche mit ihren orientalischen Einflüssen näher zu bringen. Anders als heute gab es damals kaum Flugverbindungen zur östlichsten Mittelmeerinsel und Zypern war hierzulande kein Begriff.

Andreas Patsalides hat Bergbau und Maschinenbau studiert und kam während des Studiums durch einen Nebenjob zur Gastronomie. In der direkten Nachbarschaft seines Lokals gab es bereits 14 Restaurants, darunter vier griechische. Er befürchtete, dass zur Eröffnung keine Gäste kommen würden und sprach die Schauspieler Otto Sander und Udo Samel an, mit denen er sich während eines Thekenjobs angefreundet hatte: „Ich habe morgen Eröffnung, bitte helft mir!“ Nach ihrer Vorstellung in der benachbarten Schaubühne machten die Publikumslieblinge eine Ansage: „Ein Freund hat ein Restaurant aufgemacht: Wir wollen ihm helfen und gehen jetzt dorthin, kommen sie alle mit!“ Und so zog am Eröffnungstag ein Tross gut gelaunter Theaterbesucher ins Ta Panta Ri und legte den Grundstein für dessen Wahrnehmung als Künstlertreff. Seitdem hat sich wenig im Lokal verändert. Die blau-weiß behussten Holztische, die Wandvertäfelung, der raumgreifende Tresen und etliche Memorabilia aus Zypern verströmen den Odem durchzechter Nächte mit gutem Essen, viel Ouzo und Zigarettenrauch. Zyprioten rauchen am meisten unter allen Europäern erklärt mir Konstantin Patsalides, 36, einer von zwei Söhnen und potentiellen Nachfolgern. „Wenn meine Söhne versuchen, mich dazu zu bringen, etwa zu verändern, gibt es immer Krach. Deshalb machen wir nur das nötigste“, erklärt Patsalides, inzwischen 67, „es ist doch mein Leben, mein Stil, wenn ich hier was ändern würde, dann komme ich nicht klar.“ Immerhin kann man inzwischen mit Karte bezahlen, denn das findet der Patron selbst auch praktisch. Und der Vermieter hat zur Jahrtausendwende die schmalen, vergitterten Fenster zur Straße geöffnet und bodentiefe Schiebetüren eingesetzt. „Vorher sah das aus wie im Gefängnis“, sagt Patsalides mit einem Anflug von Ironie, „aber seitdem sitzen die Gäste auch mal draußen.“ Und das, obwohl die Sonne täglich nur eine halbe Stunde den Bürgersteig auf der eng bebauten Düsseldorfer Straße bescheint.

Andreas Patsalides Ta Panta Ri Berlin Oliver Numrich
Andreas Patsalides hat das „Ta Panta Ri Berlin“ 1988 eröffnet.

Konstantin Patsalides könnte sich noch mehr Veränderungen vorstellen. Seit 15 Jahren arbeitet er im Restaurant mit, im Hauptberuf betreibt er eine Event- und Multimedia-Agentur. Der heute 36-Jährige hat seinem Vater Anfang dieses Jahres eine neu gestaltete Speisekarte verordnet, nachdem die alte 18 Jahre im Gebrauch und kaum mehr lesbar war. Die parallel umgesetzten moderaten Preisanpassungen haben die Gäste problemlos akzeptiert – die Gerichte bleiben preislich im unteren Mittelfeld. Auch den Onlinebereich, für den sich sein Vater nie interessierte, konnte er sich aneignen: „Wir sind auf allen Portalen sehr gut bewertet. Das bringt uns viel, denn dadurch kommen neben den Stammgästen auch Neuberliner und Touristen.“ Auch Facebook funktioniere gut, weil Posts oder Veranstaltungshinweise das Lokal bei seinen Followern in Erinnerung rufen. So habe ein Onlinegewinnspiel, bei dem ein Abendessen für zwei verlost wurde, 10.000 Aufrufe eingebracht. „Ich schätze, dass wir durch die Kommunikation mit unseren Facebook-Fans etwa 5% mehr Umsatz machen“, sagt Konstantin Patsalides. Regelmäßig veranstalten sie Livemusik und Lesungen mit zypriotischen Künstlern oder Themen im Ta Panta Ri.

Doch was ist das Geheimrezept, mit dem man 30 Jahre am Markt besteht? Für Konstantin Patsalidis ist das ganz klar die Persönlichkeit seines Vaters: „Ich habe eine Menge von meinem Vater gelernt, das wichtigste: authentisch sein und das möglichst gleichbleibend.“ So seien Gäste enttäuscht, wenn sie das eine Mal mit Umarmung begrüßt würden und beim nächsten Besuch nur mit Handschlag. „Die Qualität der Begrüßung muss genau so konstant sein wie die Qualität der Speisen. Und sie darf nicht weniger werden, sondern höchstens mehr.“ Das gleiche gelte für die Mitarbeiterführung. Jeder Chef müsse peinlich genau drauf achten, das Gleichgewicht zwischen den Mitarbeitern zu erhalten: „Man braucht in der Gastronomie klare Hierarchien, einer muss das Zepter in der Hand halten und konsequent sein“, sagt Patsalidis junior. Letztendlich komme es auf die Atmosphäre an, ergänzt Vater Andreas, der den Worten seines Sohnes genau zugehört hat: „Klar, das Essen muss schmecken, der Preis muss stimmen, aber keiner erwartet hier das Adlon. Der Gast gehe einfach dorthin, wo er sich wohl fühlt und willkommen ist. „Ich kenne jeden meiner Gäste persönlich, schließlich habe ich eine große Klappe!“ scherzt Patsalides. Zu seiner persönlichen Willkommenskultur gehört auch, dass er in seltenen Fällen Gäste heraus komplimentiert, die sich nicht einfügen, etwa weil sie zu viel getrunken haben oder negativ auffallen. „Ich bin der Grund, dass wir ein homogenes Publikum haben und es ist meine Aufgabe, meine Gäste zu schützen“, sagt Patsalides bestimmt. Durch seine Achtsamkeit habe es noch nie eine unangenehme Situation, verunreinigte Toiletten oder gar eine Prügelei gegeben.

Nun rückt die Staffelübergabe an die nächste Generation immer näher, denn Andreas Patsalides ist nicht mehr der Jüngste. Seine Söhne haben sich darüber verständigt, dass sie das Lebenswerk ihres Vaters gemeinsam weiterführen wollen. „Unsere Vision ist, dass unser Vater zukünftig der Patron ist, der begrüßt und überwacht, aber nicht mehr selbst serviert und herumrennt“, sagt Konstantin, „er soll der Pate sein, aber auch mal später kommen und früher gehen – so wie er es verdient hat nach all den Jahren. Und wenn unsere Gäste ihn sehen und sprechen können, dann sind sie glücklich.“ Der Angesprochene scheint selbst noch zu zweifeln, ob er seinen Kindern diesen Weg zumuten will. Er weiß, dass ein Gastronom kaum noch Privatleben hat. „Es ist schön, wenn sie das weiterführen, aber es alles verbunden mit großen Opfern“, sagt er nachdenklich. Doch in einer Hinsicht ist es bereits leichter geworden: früher seien die Gäste bis fünf Uhr früh geblieben erinnert er sich, und heute gingen die meisten schon um Mitternacht. „Vielleicht wird es auch leichter“, sagt Patsalides und schaut zu seinem Sohn.

Dieser Artikel erschien zuerst in der AHGZ.de

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