Experten-Interview: Können Produkte aus der sozialistischen Diktatur Kuba wirklich „fair“ sein?

El Puente Cuba Libre
El Puente Cuba Libre mit Zutaten aus Kuba.

Naschkater: Frau Labode, Sie sind beim Hersteller von Fairtrade-Süßwaren El Puente zuständig für Information und Kommunikation. Wie stellt El Puente bei der Verwendung von Produkten aus Kuba sicher, dass nicht Gelder an den Staatsapparat fließen? 
Als Fairhandels-Unternehmen sehen wir es als unsere Aufgabe Menschen, die strukturell oder aus anderen Gründen benachteiligt sind, einen möglichst direkten Marktzugang zu eröffnen, damit sich durch den Fairen Handel ihre Lebenssituation verbessern kann. Wir stehen in der Regel mit den Produzenten vor Ort in Kontakt, besuchen unsere Handelspartner und einzelne Produzenten regelmäßig. Im Bereich der Überprüfung versuchen wir Synergie-Effekte zu schaffen und erkennen bestimmte Zertifizierungen anderer Fairhandels-Akteure an. Wo andere Zertifizierungen oder Überprüfungen nicht greifen, greift unser eigenes Internes Monitoring System, bei dem die Handelspartner umfassende Auskünfte zur Verfügung stellen. Somit erfassen wir so genau wie möglich, wie die Situation der Menschen vor Ort aussieht. Zahlungen gehen an unsere Handelspartner, die wiederum mit den Produzenten zusammenarbeiten. Bis vor Kurzem gab es keine Möglichkeit, direkt mit den Produzenten in Kuba zusammenzuarbeiten – Handel (Export) war nur über die Verarbeiter der Produkte möglich, die sich in Staatsbesitz befinden. Um die Menschen in Kuba durch Handel zu unterstützen, mussten wir demnach die Produkte über staatseigene Firmen beziehen, auch wenn die Rohstoffe von Kleinbauern stammen.

Der Staatsapparat war und ist zuständig für eine kostenfreie Gesundheitsversorgung und Bildung.* Demnach war und ist es auch wichtig, dass der Staat über Einnahmen verfügt, um diese Grundbedürfnisse der Menschen zu erfüllen. Gleichzeitig haben wir uns von jeher bemüht, einen direkten Kontakt zu den Produzenten vor Ort herzustellen und genau zurückzuverfolgen, woher die Produkte kommen. Hier haben wir über die Jahre große Fortschritte gemacht und wissen beim Zucker, den wir von Kooperativen vor Ort beziehen genau, woher dieser stammt. Die Kooperativen sind FLO-zertifiziert. Sie werden von uns direkt bezahlt und erhalten über eine Organisation die Fairhandels-Prämie für den Zucker.

Naschkater: Wie stellt El Puente bei der Verwendung von Produkten aus Kuba sicher, dass die Erzeuger nicht unter politischen Druck geraten?
Grundsätzlich legen wir unseren Fokus auf die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort und die Verbesserung ihrer Situation und nicht auf eine Zusammenarbeit mit Akteuren in bestimmten Staaten. Wir sehen unsere Rolle darin, Menschen zu stärken, damit sie Situationen struktureller Benachteiligungen verändern können und sich vor Ort für Menschenrechte und gegen Repression einsetzen können. Neben dem konkreten Handel engagiert sich El Puente gemeinsam mit anderen Akteuren des Fairen Handels auch auf der Ebene der politischen Kampagnenarbeit. So sind wir Mitglied im Forum Fairer Handel e. V. und arbeiten in diesem Zusammenhang daran mit, politische Forderungen in Welthandelsfragen zu formulieren und zu platzieren. Hier geht es im Kern darum eine menschrechtliche Sorgfaltspflicht insbesondere von Unternehmen einzufordern.

Naschkater: Sie sprechen an, dass El Puente vor 20 Jahren dem sozialistischen System auf Kuba positiv gegenüberstand. Ist El Puente auch heute noch eine dem Sozialismus nahestehende Organisation? Oder gab es zwischenzeitlich eine Distanzierung? Unterstützen Sie auch Demokraten/Dissidenten wie z. B. die Organisation der Weißen Damen? Ist Demokratie Teil Ihres Fairness-Verständnisses?
El Puente steht dem Gedanken eines solidarischen Wirtschaftens positiv gegenüber. El Puente geht es aber darum, Menschen zu unterstützen und nicht ein politisches System wie den kubanischen Sozialismus per se zu stärken. Unsere Organisation orientiert sich an Grundsätzen des Miteinanders, die sich in den Fairhandels-Kriterien der WFTO widerspiegeln. In unserem Verständnis von Fairem Handel spielt die demokratische Organisation unserer Handelspartner eine wichtige Rolle. El Puente geht bei der Frage zur gemeinschaftlichen demokratischen Organisation im globalen Süden sogar noch einen Schritt weiter als die WFTO. Bei den Handelspartnern, die von uns überprüft werden, fordern wir Basisdemokratien, d. h. alle relevanten Entscheidungen werden von den Betroffenen (hier Arbeiter oder Bauern) getroffen. Wir möchten, dass die Kooperativen und Unternehmen basisdemokratisch entscheiden, was bspw. mit den Prämien passiert. Es ist zwar kein Ausschlusskriterium, wenn diese Basisdemokratie noch nicht besteht, trägt aber großen Einfluss auf unsere Entscheidung, ob wir die Kooperative oder das Unternehmen als Handelspartner aufnehmen oder nicht.

Naschkater: In einem der übermittelten Textblöcke heißt es „Projektpartnerausschuss (PPA) von El Puente, der als unabhängiges Gremium über die Fortführung von Handelskontakten entscheidet, hat gefordert, die Fortsetzung der Handelskontakte mit Kuba zeitlich zu befristen.“ Wer ist in diesem PPA, kann ich jemanden von denen sprechen? Warum hat der PPA das gefordert? Und wenn jährlich neu entschieden wird: Wann ist das der Fall und auf welcher Entscheidungsgrundlage?
Der Projektpartnerausschuss (PPA) ist eine Einrichtung des EL PUENTE Vereins. Als unabhängiges Gremium gegenüber der El Puente GmbH, kontrolliert er die Zusammenarbeit mit den Handelspartnern. Der Ausschuss besteht aus mindestens zehn Mitgliedern. Davon werden fünf aus den Mitgliedern des EL PUENTE Vereins gewählt. Bis zu fünf weitere Stimmen stellt die Gruppe der Weltläden und Aktionsgruppen. Auf diese Weise ist eine kontinuierliche und unabhängige Kontrolle der Tätigkeiten der El Puente GmbH gewährleistet. Der PPA hat die Befristung gefordert, weil sich das kubanische System derzeit im Wandel befindet. Es besteht nun die Chance und wir sehen es auch als Notwenigkeit an, bei allen Produkten, die wir aus Kuba beziehen die Rückverfolgbarkeit bis zum Produzenten möglich zu machen und die Handelsbeziehungen kontinuierlich so umzugestalten, dass wir möglichst direkt mit den Produzenten handeln können. Dennoch möchten wir auch die Verarbeitung nach wie vor in Kuba belassen, da durch diese Arbeitsplätze vor Ort gesichert werden. Für die Entscheidung im PPA werden Stellungnahmen zur derzeitigen Situation in Kuba von Experten angefordert, außerdem wird von Entwicklungen in den Handelspartnerschaften und ggfls. von Reisen berichtet. Die nächste Besprechung des Themas steht voraussichtlich Ende diesen Monats an. Sollten Sie ein konkretes Anliegen an den PPA haben, kann hier sicherlich ein Kontakt hergestellt werden. Es ist jedoch so, dass die Mitglieder des PPA diese Posten alle ehrenamtlich ausführen und die Anfragen vor diesem Hintergrund wenn möglich von mir als Zuständige für den PPA bearbeitet werden.

Naschkater: Frau Lebode, ich danke für die Antworten.

*Faktencheck: Zu dieser Aussage möchte ich dringend eine kritische Betrachtung des kubanischen Gesundheitssystems von Johannes Kaufmann auf der Seite salonkolumnisten.de empfehlen!

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