Berliner Mythen: Die Heimat der Berliner U-Bahn


Mit Donner und Getöse rattert der kleine Zug durch den Tunnel. Die Fahrgäste sitzen im offenen Triebwagen, durch ein Metalldach vor der Oberleitung geschützt. 1000 Meter geht es bei einer Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h durch drei Kurven leicht bergauf, dann verlässt die Bahn den Untergrund – die Kurzstrecke von der Acker- zur Brunnenstraße verläuft ohne Zwischenfälle. Es ist die Jungfernfahrt der ersten U-Bahn Berlins, nein, Deutschlands, ach was: Kontinentaleuropas! (Nur die Londoner durchfuhren schon vor 1895 mit ihrer „Tube“ den Underground.) Stolz begrüßt Emil Rathenau, der Gründer der Allgemeinen Elekticitäts-Gesellschaft, die ankommende Bahn. Mit dem Bau der unterirdischen Gleisanlage wollte der Vater des späteren Außenministers nicht nur zwei Teile seines Weddinger AEG-Werks verbinden, sondern auch den Stadtoberen zeigen, dass selbst im Berliner Schwemmsandboden eine U-Bahn gebaut werden kann. Doch sein Beweis überzeugt nicht: Der Großteil der ersten Berliner „U-Bahnen“ wird oberirdisch durch Konkurrent Siemens errichtet. Heute begrüßt direkt über dem ersten deutschen U-Bahnschacht Moderator Hossein Anosh täglich die Zuschauer des afghanischen Fernsehens. Denn wo die AEG zuvor Kleinmotoren für elektrische Rasierapparate zusammenschraubte, richtete die Deutsche Welle (DW-TV) ein Fernsehstudio ein. Seit 1989 werden darin Nachrichtens- und Magazinsendungen aufgenommen, mittlerweile nicht mehr nur auf Deutsch und Englisch, sondern auch auf Spanisch, Arabisch, Dari und Paschtu. „Wir sind so was wie ein elektronisches Goetheinstitut“, sagt Jürgen Meyer-Kronthaler, der Pressemensch von DW-TV. Der Mittfünfziger mit Goldrandbrille, Busfahrerbart und Pullunder ist nicht nur ARD-Besuchsbeauftragter, sondern betätigt sich auch als Mitherausgeber der „Berliner Verkehrsblätter“. „Aber ich möchte nicht in die Nähe von Pufferküssern gebracht werden“, wimmelt er ab, „mich interessiert die Einbindung des Nahverkehrs in die Stadtgeschichte.“ Deshalb ist er begeistert, auf einer „verkehrshistorischen Besonderheit zu sitzen“. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellten hier Tausende Arbeiter Turbinen und Lokomotiven her. „Das ist alles AEG-Urschleim“, erklärt Jürgen Meyer-Kronthaler und zeigt auf das Gelände unter sich. Vom Dach des Büroneubaus in der Voltastraße 6 hat man freie Sicht auf das, was von der AEG übrig geblieben ist. „Wenn man sich hier umguckt, sieht man 150 Jahre industriellen Fortschritt und architektonische Entwicklung auf einmal“, schwärmt er. So wird das Areal eingerahmt von den monumentalen Fabrikgebäuden, die AEG-Chefarchitekt Peter Behrens ab 1910 errichtet hat. Im Hof trotzt ein golden verspiegeltes Verwaltungsgebäude im Look des Palasts der Republik dem Abriss. Gebaut wurde es in den 1970er Jahren von der Firma Nixdorf – ebenfalls Geschichte, so wie die U-Bahn. „Die Steine hier können wahnsinnig viel erzählen“, sagt der Beauftragte, „man muss sie nur aus dem richtigen Blickwinkel fragen.“ Oliver Numrich

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