Berliner Mythen: Die Heimat von Ton, Steine, Scherben


Es ist der 8. Dezember 1971 und der Höhepunkt einer Politparty in der alten TU-Mensa: Der Auftritt von „Ton Steine Scherben“. Nach dem letzten Lied macht Rio Reiser eine Durchsage: Alle sollen sofort nach Kreuzberg fahren, da würde jetzt ein Haus besetzt. Hunderte Studenten, Lehrlinge, Freaks ziehen daraufhin mit U-Bahn, Bussen und alten VW’s in Richtung Mariannenplatz. Ziel ist das ehemalige Schwesternhaus „Martha-Maria“ auf dem Bethanien-Gelände. Rios Bruder Gert Möbius hat das leer stehende Gebäude entdeckt. Schon den ganzen Tag bereitet er die Aktion vor, zerschneidet den Zaun, knackt die alten Türschlösser und schafft heimlich Bier, Nudeln und Dosentomaten in das zweistöckige Gebäude. Und er überredet den Hausmeister des Bethanien, ein ehemaliges KPD-Mitglied, das Schwesternhaus zu beheizen. Schließlich ist es Winter und die Besetzer sollen nicht frieren. 74 Leute ziehen an diesem Abend ein und benennen das Gebäude nach Georg von Rauch, einem Mitglied der Gruppe „Bewegung 2. Juni“, das wenige Tage zuvor von Polizisten erschossen wurde. Nach einer Stunde war die Ordnungsmacht zur Stelle: „Der Mariannenplatz war blau, soviel Bullen waren da…“ dichtete Rio im Rauch-Haus-Song. Die Besetzung, die zweite in Deutschland und die zweite, die von Rios Rockband angezettelt wurde, war der Startschuss für über 400 Hausbesetzungen in ganz Westdeutschland: Überall bemächtigten sich jetzt Jugendliche der leer stehenden Gebäude, um darin zu wohnen und selbst organisierte Jugendzentren einzurichten. Heute wohnen 36 Menschen im Rauch-Haus; die meisten kommen aus Kreuzberg. Es sind Handwerker darunter, Schüler, Studenten, viele, die sich Künstler nennen, Hartz-4-Empfänger. Montags und mittwochs ist Volxküche, es gibt eine Tischlerwerkstatt und Mitte August ein Sommerfest. Wie vor 30 Jahren ist einmal die Woche Plenum. Aber statt Parolen hängen Parabolantennen aus den Fenstern. Weder zu den Wagenburglern nebenan noch zu neuen Besetzern von der York59, die sich im Südflügel des Bethanien einquartiert haben, gibt es Kontakt. „Die waren nur einmal da und haben gefragt, ob sie unseren Internetanschluss benutzen können, „erzählt eine Bewohnerin, „aber wir haben keinen und dann sind sie wieder gegangen.“ Seit 2002, als mal wieder die Räumung anstand, gibt es einen Mietvertrag mit dem Senat. Der läuft bis Ende 2007, bis dahin muss die Hausgemeinschaft das Gemäuer selbst sanieren. Aber danach sieht es nicht aus: Haus und Garten sind verwahrlost, das Dach ist undicht, in manchen Zimmern bröckelt die Decke runter. „Die haben das gleiche Problem wie wir damals“, sagt Gert, „es gibt welche, die wollen was machen, und welche, für die ist zur Schule gehen oder irgendeiner Arbeit nachkommen antirevolutionär.“ Oliver Numrich

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