Berliner Mythen: Die Heimat der DDR-Oppositionellen


„Gor-bi, Gor-bi!“ und „Kei-ne Gewalt!“ skandieren nervöse Teilnehmer der Spontan-Demo an der Weltzeituhr. Vereinzelt dringend die Rufe bis zur Karl-Marx-Allee, wo sich zur selben Zeit die Chefetage der SED an einer Militärparade zum 40-jährigen Bestehen der Republik erfreut. Doch die Zahl der Demonstranten an diesem 7. Oktober 1989 steigt unaufhörlich: Tausende treten aus ihren geheimen Zirkeln und subversiven Winkeln heraus und zeigen öffentlich, dass sie unzufrieden sind mit ihrer DDR. Am Nachmittag schlägt das Imperium zurück: Die Protestierer werden aus dem Stadtzentrum gedrängt, flüchten die Schönhauser Allee hinauf, Richtung Gethsemanekirche. Seit den 80er Jahren sind die Kirchen im Ostteil der Stadt Treffpunkte der Aufsässigen, oft der einzige Ort, an dem sich Friedens- und Umweltaktivisten überhaupt versammeln können. Allen voran die Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg, die Kaiser Wilhelm II 1893 noch zum Bollwerk gegen aufkommende atheistische und sozialistische Bewegungen geweiht hatte. In diesen unruhigen Oktobertagen diskutieren hier bis zu 3.000 Menschen und beten dafür, dass die Mächtigen sich dem Wunsch nach demokratischer Umgestaltung nicht länger verschließen. Bürgerbewegte wie Marianne Birthler koordinieren vom einzigen Telefon der Kirchengemeinde aus den landesweiten Widerstand und nehmen Vermisstenmeldungen auf. Höhepunkt des Protests ist eine Mahnwache für inhaftierte Systemkritiker, die der Weißenseer Friedenskreis durchführen will. Er stellt die Kirchenleitung vor die Wahl: Entweder ihr gebt uns die Kirche freiwillig oder wir besetzen. Es ist die Feuertaufe für Dieter Wendland (Foto), frisch gewähltes Mitglied des Gemeindekirchenrats: „Wir mussten als Hausherren überlegen, was das für unsere Sicherheit bedeutet.“ Doch nach kurzer Beratung sind sich alle zwölf Vorstandsmitglieder einig. „Wir haben einstimmig beschlossen, dass wir sie reinlassen“, erinnert sich Wendland und kämpft 17 Jahre danach wieder mit der Fassung: „Es bewegt einen noch immer…“ Über Nacht wird die Gethsemanekirche vollends zu einem rebellischen Gotteshaus: Für kurze Zeit hängt ein Transparent „Mahnwache für die zu unrecht Inhaftierten“ über dem Eingangsportal, bevor es nach Drohungen der Staatsgewalt gegen „Wachet und Betet“ ausgetauscht wird. „Wir hatten kein politisches Programm, wussten nicht wie das weitergehen sollte“, sagt Wendland, „aber diese Politik betraf auch uns und wir waren dagegen, dass Menschen zu Unrecht interniert werden.“ Die Volkspolizei riegelt die Kirche ab, lässt keinen mehr rein oder raus. „Wir haben das natürlich als Belagerungszustand empfunden“, erinnert sich Wendland. Die Verhandlungen mit der Abteilung Inneres führen zu keinem Ergebnis, so dass bereits Dutzende Menschen in der Kirche campieren, als der Protestzug vom Alexanderplatz dazuströmt. Die Leute wollen aber nicht in die Kirche, sondern auf der Straße bleiben und dort protestieren, woraufhin es vor der Kirche und im ganzen Bezirk zu Tumulten kommt. „Wir waren keine Helden“, wiegelt Wendland ab, „so sehen wir uns nicht. Wir haben einfach gemacht, was unser Gewissen uns gesagt hat.“ Binnen Monatsfrist gelingt es den friedlichen Revolutionären, die greisen Diktatoren aus ihren Ämtern zu jagen. Oliver Numrich

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