Berliner Mythen: Die Heimat der Kreiskultur


Andreas Speichert verdankt dem Prater sein Leben. Das war im Sommer 1954, im Biergarten: Der Ausschank ist wie immer dicht umlagert. Hier gibt es das Pils in großen Gläsern, Bockwurst und Buletten, Kuchen und gekochten Kaffee. Beim Schwofen lernen sich Harry und Gitta kennen. Es wird mehr draus, sie heiraten und zehn Jahre später kommt Sohn Andreas zur Welt – in der Oderberger Straße 41, das ist gleich nebenan. Das Amüsier- und Ausflugslokal „Berliner Prater“ ist legendärer Treffpunkt – nicht nur für einsame Herzen. 1837 eröffnet es vor den Toren Berlins. „Hier können Familien Kaffee kochen“ hieß es damals, denn die Gäste bringen die Kaffeebohnen selbst mit und bestellen heißes Wasser dazu. Das Hauptgebäude mit Festsaal und Bühne ist das erste Haus in der Kastanieallee, wo ansonsten nur Felder, Wiesen und Windmühlen sind. Zu DDR-Zeiten wird es Kreiskulturhaus und zum Zentrum des kulturellen Lebens in Prenzlauer Berg. Von hier aus werden sämtliche Jugendclubs, Bühnen und Galerien im Bezirk organisiert. 1987 kehrt Andreas Speichert zurück. Im Erich-Franz-Club fragt ihn jemand, ob er im Prater als Techniker arbeiten will. Beim Einstellungsgespräch stellt man ihm zwei Fragen: „Sind sie Alkoholiker?“ und „Haben sie einen Ausreiseantrag gestellt?“ Speichert kann beides verneinen, ist außerdem Mitglied der SED und bekommt den Job. Im Saal gibt es jeden Tag eine andere Veranstaltung: Von der Kombinatsfeier, über Ausstellungen der Eisenbahn- oder Aquarienfreunde und Tanztee bis zum Rockkonzert. „Der Prater war nicht der Ort, wo die Revolution geplant wurde“, sagt Speichert, „aber die Bands hatten mehr Freiheiten.“ Wenn es mal ein Auftrittsverbot gibt, meldet sich die Gruppe unter neuem Namen wieder an. Nebenbei wird „gemuckt“, in Bands gespielt oder Musik aufgelegt. Sie kommen alle gut miteinander aus: die Punker, die Langhaarigen mit den Lewis-Jeans, die Blues’er. „Wir sind von Konzert zu Konzert gezogen“, sagt Speichert, „es gab Mädchen, nicht zu viel Stress mit der Arbeit, das war meine schönste Zeit.“ Nach der Wende wird das Kulturhaus für 3,2 Mio. Westmark in eine Investruine verwandelt: Der Haupteingang zur Kastanienallee wird zugemauert, Elektroleitungen und Heizungsrohre kreuz und quer verlegt. Am Ende hängt ein Heizkörper außen an der Fassade. Als die Volksbühne 1994 den Prater zur Spielstätte macht, gibt es keinen Brandschutz, keine Türen, keine Toiletten. Während Castorfs ersten Proben kurven Maurer mit der Schubkarre durch den Saal. Die Bühne ist gesperrt, weil der „Eiserne Vorhang“ – der Feuerschutz – wie eine Guillotine herabsausen könnte. „Es ist gut, dass es den Prater noch gibt“, sagt Speichert. Denn während rund herum saniert ist und schwäbische Studenten einziehen, bleibt der Prater mit seinem maroden Charme für ihn ein Stück Kiez. Und im Biergarten, da trifft sich noch immer alles, vom Urberliner bis zum Touristen. Wie vor 170 Jahren… Oliver Numrich

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