Berliner Mythen: Die Heimat des Berliner Rundfunks


„Verzeihn Sie, mein Herr, fährt dieser Zug nach Kötzschenbroda?“ Mit glühendem Kopf sitzt der junge Karlheinz Drechsel, Augen und Ohren weit aufgerissen, in Reihe 1 des Großen Sendesaals. Der 17-jährige Dresdener ist persönlicher Gast von Teeni-Idol Bully Buhlan, der wenige Meter vor ihm seinen Smashhit „Kötzschenbroda-Express“ zum Besten gibt. Der Song ist die erste deutsche Version vom Swing-Klassiker „Chatanooga Choo-Choo“ und lässt selbst das Berliner Publikum im Haus des Rundfunks mitwippen. Später werden den jungen Groupie Freundschaften mit Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Oscar Peterson und anderen Größen des Jazz verbinden – aber das konnte 1948 noch keiner ahnen.

Die Sammlung von Schellackplatten mit Tanzmusik, die Karlheinz Drechsel in der Nazi-Zeit eine Jugendstrafe einbrachte, ist gerade beim Bombenangriff auf Dresden verbrannt und der Kontakt zu Bully Buhlan rein zufällig: Buhlan sah sich im Dresdner Antiquitätengeschäft von Drechsels Eltern nach Möbeln um. Der Sänger lud Swing-Kid Karlheinz spontan zum Pfingstkonzert nach Berlin ein, Übernachtung auf der neuen Couch inklusive. „Meine Eltern wussten, was ich für ein verrückter Fan war, und ließen mich zum Konzert“, sagt Drechsel heute. In seinem Leben wird er immer wieder im 1931 eröffneten „Haus des Rundfunks“ an der Masurenallee landen. Ein Jahr nach dem legendären Konzert beginnt er hier seine Ausbildung. Er ist Regievolontär in der Hörspielabteilung, als das Gebäude 1952 von der britischen Militärpolizei abgeriegelt wird. Bis dahin gehörte es – trotz exponierter Westlage – zur sowjetischen Zone. Doch damit ist jetzt Schluss: die Redakteure dürfen das Haus nur noch verlassen, hinein darf keiner – der kommunistische Ostfunk wird ausgehungert. „Ich hatte mich hier wohl gefühlt, die Herkunft der Kollegen war egal und in der Kantine konnte man mit Westgeld oder Ostmark bezahlen“, bedauert Drechsel. Gelegentlich der Aussperrung wird ihm gekündigt, „Umstrukturierung“ steht in dem Schreiben, tatsächlich misstraut ihm die Stasi wegen seines „imperialistischen“ Musikgeschmacks und den West-Freunden. In der Folgezeit schlägt er sich in Dresden und Berlin als freier Journalist durch, schreibt Theater- und Musikkritiken, arbeitet wieder als Hörspielregisseur. Nebenher moderiert Drechsel, der fließend Englisch spricht, im Auftrag der „Zentrale für Auslandsgastspiele“ die Konzerte ausländischer Künstler bei Tourneen durch die DDR. Mehr und mehr wird das Hobby zum Beruf. Mit seiner warmen Märchenerzählerstimme sagt er von 1958 bis 1990 Jazznummern bei der „Stimme der DDR“ an, danach im „Jazz-Café“ des ORB. Schließlich sitzt er wieder im Rundfunkhaus in der Masurenallee und macht von hier „Memoires in Jazz“ für Radio Kultur. „Am Anfang bin ich durch alle Etagen gelaufen, Paternoster gefahren, hab mir alles angeguckt“, schwärmt Drechsel, „es war unglaublich, wie eine Heimkehr nach 52 Jahren.“ Sein persönliches Musikarchiv ist auf 350.000 Titel angewachsen, als sein letzter Sender, RadioBerlin 88,8, eine Pop-Initiative startet und seinen „Jazzboulevard“ aus dem Programm wirft. Oliver Numrich

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