Berliner Mythen: Die Heimat der Stasi-Spione


Es ist der 15. Januar 1990, ein diesiger Wintertag. Rostock, Suhl, Gera – fast überall in der DDR werden die Bezirksverwaltungen des Ministeriums für Staatssicherheit von Bürgerrechtlern kontrolliert – nur nicht in Berlin. Deshalb hat sich das Neue Forum vorgenommen, heute das Hauptquartier der Stasi an der Normannenstraße zu besetzen und Flugblätter verteilt. Auch Hannelore Köhler hat eins in die Hände bekommen und fährt direkt nach der Arbeit zum U-Bahnhof Magdalenenstraße in Lichtenberg. Mehrere tausend Menschen haben sich schon vor dem großen Metalltor versammelt, hinter dem werktags 40.000 Spitzel daran arbeiten, DDR-Bürger auszuspähen und zu gängeln.

Die Demonstranten bauen eine symbolische Mauer aus mitgebrachten Steinen, die bis auf Kniehöhe anwächst, darauf werden Kerzen angezündet. „Wir wollen rein!“ rufen sie im Chor und „Stasi in die Volkswirtschaft“. Auch Hannelore Köhler ruft. Nach zwei oder drei Stunden Belagerung geschieht das Unfassbare: Das Tor öffnet sich und die Massen strömen auf das Gelände und auf dem breiten Hauptweg Richtung „Haus 1“, in dem sich das Büro von Stasi-Chef Erich Mielke befindet. Doch außer eine Notbesetzung sind keine Spione vor Ort, die Büros liegen im Dunkeln. Und so schwenkt die Menge plötzlich um, nach links, zur geheimdienst-eigenen Kaufhalle, die hell erleuchtet ist. Ein paar Scheiben gehen zu Bruch, dann tragen Demonstranten Fischkonserven, Bücher und Palmen samt Übertopf raus. Irgendwer macht eine Durchsage: „Keine Gewalt! Wer beim Bürgerkomitee mitmachen will, trifft sich vor dem Mielkebüro.“ Eine anderer behauptet: „Treffen vor Haus 2“, dann fällt der Verstärker vom Neuen Forum aus und es herrscht Chaos. Hannelore Köhler richtet Meldepunkte ein: Wenn fünf Leute ein Bürohaus durchsuchen, muss immer einer davor bleiben und notfalls Verstärkung holen. „Wir waren völlig naiv“, sagt sie rückblickend, „denn wir kannten uns auf dem Gelände nicht aus und wussten überhaupt nicht, wie die Stasi reagieren würde.“ Dann geht sie zum Mielke-Büro und wird Mitglied des Bürgerkomitees: „Wo ich schon mal da war, wollte ich auch mitmachen.“ Während andere nach einem Rundgang über das 22 Hektar große Areal zum Abendessen nach Haue fahren, bleibt Köhler über Nacht. Mit einer Handvoll Bürgerbewegten zieht sie für die nächsten Wochen in der Normannenstraße ein; Freunde informieren die Familie, bringen ihr Essen und Zahnputzbürste vorbei. Jetzt verhandelt das Bürgerkomitee mit den MfS-Offizieren, sorgt dafür, dass die nicht alle Unterlagen vernichten können, richtet ein Archiv ein und später auch ein Museum. Hier kann Mielkes Büro auch im 15. Jahr nach der Besetzung im Originalzustand bewundert werden. In den Gebäuden der „Hauptverwaltung Aufklärung“ residiert jetzt die Deutsche Bahn, im Komplex der Abteilungen Nachrichten und Postüberwachung das Arbeitsamt. Hannelore Köhler ist heute Mitarbeiterin der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Oliver Numrich

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