Berliner Mythen: Die Heimat der U-Bahnhof-Waagen


„Oftmals sich wiegen und danach leben, wird dir lange Gesundheit geben“ steht auf dem Metallschild am Automaten und täglich kommen viele hundert Berliner dieser Aufforderung nach und lassen sich von Peter Schulz wiegen. Das geht ganz fix zwischen zwei U-Bahnen, denn Schulz 55 automatische Waagen stehen auf U-Bahnhöfen. Manche der gusseisernen Stadtmöbel sind schon 80 Jahre im Einsatz. Sie wurden in der Weimarer Republik von der Neuköllner Maschinenfabrik Sielaff hergestellt. Noch heute produziert Sielaff Automaten für Getränke, Zigaretten und Pfandflaschen, allerdings mit Hauptsitz in München.

Jeden Werktag ist der 68-Jährige im Untergrund unterwegs, leert und kontrolliert die Geräte auf Funktionsfähigkeit, repariert Federn und Scharniere. „Wenn ich eine Schraube sehe, die in den Einsatz gefallen ist, dann weiß ich gleich, wo die hingehört“, sagt der gelernte Maschinenbauer, der vor der Wende in Ostberlin die Waagen pflegte und 1990 alle westerberliner übernahm. Neben Rotkäppchen-Sekt wohl die einzige Ost-West-Ausdehnung. Der Preis ist seit den 20er Jahren stabil: Groschen, Reichsgroschen, Westgroschen, 10 Cent. Doch steigende Stromkosten, Aufstellgebühren der BVG und vor allem der zunehmende Vandalismus lassen Schulzes Waagen-Park schrumpfen. Seit 1998 habe der Vandalismus stark zugenommen. Vor allem unter Sprüherei leiden die alten Waagen, die nach den Stationen heißen: „Breitenbach war so beschmiert, da hat man keine Originalfarbe mehr gesehen“, klagt Schulz, „und Hohenzollerdamm wurde umgekippt, dadurch sind die Scheiben geborsten und das Gehäuse hat sich verbogen.“ Auf manchen Strecken, wo es früher an jedem U-Bahnhof eine Waage gab, sind sie mittlerweile selten. Ausrangierte Schmuckstücke werden auf Hochglanz poliert, erhalten ein neues Schloss und kommen dann bei Ebay unter den Hammer. Schulz selbst wiegt sich übrigens 20 Mal am Tag, schließlich ist sein Gewicht der Eich-Maßstab. „Plus minus 1,2 Kilo, dann weiß ich, dass der Automat in Ordnung ist.“ Oliver Numrich

Waage auf dem U-Bahnhof
Waage auf dem U-Bahnhof
Täglich sich wiegen...
Täglich sich wiegen...

5 Gedanken zu „Berliner Mythen: Die Heimat der U-Bahnhof-Waagen

  1. Bezüglich Waagen der Berliner U-Bahn,würde ich gerne mit Herrn Peter Schulz,der die ganzen Waagen betreut in Kontakt treten ist das über Sie
    möglich ?

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  2. Hallo Herr Hora,
    leider habe ich meine Unterlagen von damals mit der Telefonnummer von Herrn Schulz nicht mehr. Versuchen Sie es am besten über die BVG.
    Beste Grüße
    ON

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