Berliner Mythen: Die Heimat der Synchronsprecher


Hollywoods Außenstelle liegt in Neukölln: Hier, in den Geyer-Weken an der Harzer Straße, wird seit gut 50 Jahren ausländischen Kino- und Fernsehproduktionen die deutsche Sprache eingehaucht. Filme wie „Polar Express“ oder „Dawn of the Dead“ oder Serien-Hits wie Ally McBeal, 24 oder „Six Feet under“ wurden hier schon synchronisiert. Linoleumgänge, vollgerümpelte Räume, staubige Vorhänge vor jedem Fenster, keine Spur von Glamour – die Hinterhausbaracke, in der sich die drei Tonateliers befinden, scheint der ödeste Ort der Welt zu sein. Aber wenn es gut läuft, passiert hier etwas Mythisches: Ein fremder Held und ein deutscher Schauspieler verschmelzen zu einem Filmcharakter und machen ihn hierzulande populär. Schauspielerin Irina von Bentheim ist das gelungen: Sie ist als deutsche Stimme von Carry in „Sex and the City“ so bekannt geworden, dass sie mittlerweile eine eigene Radiosendung moderiert: „Sex nach neun“. Von Bentheim hat mit sieben Jahren bei Geyer ihre erste Rolle gesprochen: Emma im Kinderfilm „Wenn süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft“. Bei der Gelegenheit bekam sie auch ihren ersten Kuss: in der Aufnahmepause, versteckt hinter der Leinwand, von Filmpartner Archibald Eser alias Gaylord. „Auf der Leinwand haben wir uns gehasst und im wahren Leben haben wir uns geliebt!“ sagt sie mit übertrieben entzückter Stimme. Weil das Sprechen gut geklappt hat, wurde sie danach öfter ins Studio gerufen, um — zum Teil zusammen mit Ihrem Bruder Nicolai – Kinderfilme zu synchronisieren. „Wir waren eine wilde Synchron-Kinder-Clique damals, der Regisseur musste Dompteur spielen“, erinnert sie sich. Schon damals mit von der Partie: Die Kinder von Wolfgang Völz, Rebecca und Benjamin, und Tobias Meister, heute die deutsche Stimme von Brad Pitt. Das Wichtigste bei der Synchronisation sei, in den Sprechrhythmus des Schauspielers, den man synchronisiert, zu kommen. „Der Text muss auf den Punkt kommen, in der Sekunde, da kannst Du Dich nicht wochenlang einfinden“, sagt von Bentheim. Das Drehbuch bekommt sie vorher selten zu sehen – aus Sicherheitsgründen, damit nichts bekannt wird. Selbst auf dem Filmmaterial sind immer häufiger schwarze Streifen, um Schwarzkopien zu verhindern. „Meistens gehst Du rein, der Regisseur erzählt dir, worum es geht, und dann machst du es so.“ Das kann morgens schon mal mit einem Orgasmus losgehen oder einer Geburt und danach spricht sie die strenge Staatsanwältin oder eine durchgeknallte Comicfigur. Von Bentheim ist eine leidenschaftliche Botschafterin ihres Gewerbes und die Geyer-Studios ihr Revier: alle werden persönlich begrüßt, zu jedem Kollegen erzählt sie eine Geschichte. „Wir kennen uns alle“, sagt der Tontechniker, der gerade am Rauchtischchen hinter dem Mischpult Mittagspause macht. Ist es denn nicht ungerecht oder zumindest tragisch, wenn einer mit seinem Gesicht Erfolg hat, zu dem ein Unsichtbarer mit seiner Stimme beiträgt? „Man wird doch nicht Schauspieler, um in der Öffentlichkeit erkannt zu werden“, wehrt von Bentheim energisch ab, „sondern um zu spielen.“ Und dafür bietet das Synchronstudio die besten Möglichkeiten. Oliver Numrich

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