Berliner Mythen: Die Heimat der Olympioniken


„Junge Kraft will Mut beweisen, heißes Spiel Olympia! Deinen Glanz in Taten preisen, reines Ziel: Olympia.“ Richard Strauss erbot sich, die verschwiemelte Hymne von 1936 zu vertonen, zu der 1936 ein grimmiger Adolf Hitler die Parade von 3.961 Athleten aus 49 Nationen abnimmt. Teilnehmerrekord bei den XI. Olympischen Spielen von Berlin. Die meisten Wettkämpfe finden auf dem Olympiagelände statt, mit dem Olympiastadion als zentraler Arena. Neben Stadion gehören auch Sportforum, Schwimmstadion, Waldbühne, Maifeld mit Glockenturm und Langemarckhalle sowie ein Hockey- und ein Reiterstadion dazu. Das Olympiastadion wurde 1934 bis 1936 nach Plänen von Werner March gebaut. Am selben Ort befand sich zuvor das Deutsche Stadion, das Otto March, Werners Vater, entworfen hatte und das für den Neubau weitgehend abgerissen wurde. „Das Olympiastadion ist ein Zeugnis davon, wie sich die Nazis vor der ganzen Welt präsentiert haben“, sagt Stararchitekt Volkwin Marg, nach dessen Plänen das Stadion umgebaut wird, „und diese Geschichte bewältige ich nicht dadurch, dass ich das Denkmal zerstöre, sondern indem ich es kommentiere.“ Der Auftrag des Architekten glich der Quadratur des Kreises: Denkmalschutz berücksichtigen, aber modernisieren von VIP-Lounge bis Tiefgarage, die Nutzung als Multifunktionshalle ermöglichen und reine Fußball-Arena schaffen. Margs Entwurf ordnet sich dem Altbau unter. Das ist ganz wörtlich zu nehmen: Bis auf das Dach sind alle Neubauten unterirdisch angelegt, so dass die Optik des Stadions nicht beeinflusst wird. Professor Marg, wie ihn seine Mitarbeiter ehrfurchtsvoll rufen, kommt im hellen Sommeranzug ohne Krawatte zum Interview. Am Osttor unterhält er sich kurz mit Touristen, die das loben, was sie sehen: das neue Dach. Es ist der deutlichste Kommentar des Architekten, aber nicht der für ihn wichtigste. Der befindet sich in der Langenmarckhalle, wo von den Nazis der Mythos der gefallenen, angeblichen Helden der Flandernschlacht von 1914 inszeniert wurde. Heute präsentiert hier das Deutsche Historische Museum eine Ausstellung zur Geschichte des Olympiastadions. Zweiter Baustein der Geschichtsbewältigung ist eine kleine Kappelle genau unter dem Platz, wo Hitler sich während der Olympiade feiern ließ. „Seit der Antike dienen Stadien dazu, dass sich die Menschen in der Masse als Individuen aufgeben“, erklärt Marg mit großem Ernst, „aber die Masse kennt keine Verantwortung, sie ist verantwortungslos.“ Die Kapelle, in der 50 Gläubige Platz finden, soll ein Ort sein, an dem sich der Einzelne auf seine Eigenverantwortlichkeit besinnen kann. Und ist er nervös wegen der nahenden Fußball-WM, wenn das umgebaute Stadion seine Funktionsfähigkeit beweisen muss? „Ich bin überhaupt nicht nervös“, sagt Marg und lacht, „diese Anlage wird seit 70 Jahren getestet!“ Alles sei viel kommoder als früher, als das Olympiastadion für 100.000 Menschen ausgelegt war. Jetzt kommen nur noch für 66.000 hinein und die Sorgen der der Stiftung Warentest seien ohnehin überflüssig gewesen, sagt Marg, empfiehlt noch rasch das Buch „Abgott Fußball“ und lässt sich zum nächsten Termin fahren. Die WM kann kommen. Oliver Numrich

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