Portrait: Die Glücksritterin


Es heißt, das höchste Glück der Erde, läge auf dem Rücken der Pferde. Das meint auch Birgit zum Felde. Zwar ist die 38-jährige Krankenschwester wegen einer Autoimmunerkrankung seit zwei Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Der hinderte sie allerdings nicht daran, an der Spitze der Sanitätsreiterstaffel der Johanniter in Harburg mitzureiten. Arabella ist vierzehn und hat schon eine Westernausbildung. Die Quaterhorse-Mix-Stute hört auf die fröhliche Stimme von Birgit zum Felde: Bei „Easy“ läuft sie langsam, bei „Ho“ bleibt sie stehen. So cool reiten nur waschechte Cowboys und Cowgirls. Im englischen Stil ausgebildete Pferde dagegen reagieren auf sanften Druck mit den Beinen. Das ist nichts für Birgit zum Felde, denn ihre Beine gehorchen ihr nicht mehr. Die 38-Jährige leidet unter einer seltenen Autoimmunerkrankung, bei der der Körper sich selbst angreift und seine eigenen Nervenzellen zerstört. Vor vier Jahren brach die Krankheit zum ersten Mal voll aus. Zum Felde war von Kopf bis Fuß gelähmt, sie konnte nicht mehr selbst atmen und wurde zehn Tage in ein künstliches Koma versetzt. Danach lernte musste das Laufen, Essen, Trinken, Schreiben über Monat neu lernen. Nach der Rekonvaleszenz arbeitete sie wieder auf der Intensivstation. Doch zwei Jahre später kam ein neuer Schub, seitdem sitzt sie im Rollstuhl. „Es fühlt sich an, als wären meine Beine in Watte eingepackt, ich habe dort praktisch keine Muskelkraft mehr“, beschreibt zum Felde ihre Situation. Nur durch die dauernde Einnahme eines Chemotherapeutikums kann sie ein die Krankheit im Griff behalten. Doch der Rollstuhl hält die dreifache Mutter nicht davon ab, einen neuen Beruf zu erlernen und sich zugleich für die Johanniter zu engagieren. „Ich wollte unbedingt weiter berufstätig sein und arbeiten trotz Behinderung“, sagt zum Felde, „ich bin ein aktiver Mensch und ohne Aufgabe einfach furchtbar unausgeglichen.“ Sie will als Stationsleiterin arbeiten, doch ihr Arbeitgeber, das städtische Krankenhaus, bietet ihr nur einen Job als Pförtnerin an. „Dafür habe ich doch nicht drei Jahre gelernt, dass ich in der Pförtnerloge geistig verhungere“, hält zum Felde dagegen. Statt dessen entscheidet sie sich für eine Weiterbildung zur Lehrerin für Pflegeberufe, um anschließend Krankenpflegekräfte auszubilden. Im März 2001 verknüpft sie ihre beiden Hobbys, Engagement bei den Johannitern und Reiten, zu einem und gründet im Johanniter-Kreisverband Harburg mal eben eine Reiterstaffel. Mittlerweile umfasst die Gruppe stolze 40 reitende Sanitäter und -innen. Auf Fuchs- und Hubertusjagden in ganz Norddeutschland kommen die zum Einsatz, im Durchschnitt einmal pro Monat. Zum Beispiel auf der Amazonenschleppjagd im Trittauer Forst oder auf dem Kutschenturnier in Luhmühlen bei Lüneburg: Über 100 Fuhrwerke liefern sich hier auf einer neun Kilometer lange Geländestrecke durch Wald und Flur Wettrennen. Vorteil der reitenden Retter: Nach der Alarmierung per Handy sind sie auch im tiefsten Dickicht sofort zur Stelle. Ein Team besteht immer – so hat es Birgit zum Felde festgelegt – aus drei Reitern, davon mindestens zwei Sanitäter. Das Gespann Arabella und Birgit ist oft dabei. Für das Aufsitzen hat Birgit zum Felde einen elektrischen Rollstuhl mit einer Hebevorrichtung. Vom 60 cm hohen Tritt aus zieht sie sich am Sattel hoch, ihr Mann hilft durch Schieben und schon thront sie auf dem Rücken des stattlichen Großpferdes. Und von dem Moment an unterscheiden sich Arabella und Birgit zum Felde nicht mehr von anderen Rossen und Reitern. „Ich galoppiere für mein Leben gern“, sagt Birgit zum Felde strahlend, „denn wenn ich an den Menschen vorbei galoppiere sieht mir keiner an, dass ich behindert bin.“ Nein, manchmal, gibt sie zu, sei es doch nicht leicht. Wenn jemand sagt: „Ach, und sie fahren Auto?“ als bedeute körperliche auch immer geistige Behinderung. Oder wenn sie jemand trotz der großen Warnschilder an ihrem Auto zuparkt. Dann muss sie sich wieder von der Polizei „befreien“ lassen und das dauert und kostet Kraft. „Manchmal deprimiert es mich, wenn meine Mitmenschen so wenig Rücksicht nehmen, so wenig mitdenken. Dann komme ich nach Hause und denke: Meine Güte, warum?“ Doch daheim im eigenen Haus mit großem Garten, bei Ehemann VORNAME, den sie vor 14 Jahren bei der Wiederbelebung von Little Anne im Johanniter-Kurs kennenlernte, bei den drei hübschen Töchtern Gesa, Johanna und Mona, zwischen Boxer-Mischling Leonardo und zwei Zwergkaninchen schöpft sie wieder neue Kraft. Die braucht die Trägerin des Ehrenzeichens der Johanniter auch, schließlich will sie als nächstes einen Hospizdienst und ein Kriseninterventionsteam gründen. Oliver Numrich

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