Klingelingeling, hier kommt die Eierbahn!


Das ist die Eierbahn
Das ist die Eierbahn

In Schmachtenhagen, etwa eine Bahnstunde nördlich von Berlin, ist Samstag bis Dienstag Bauernmarkt. Das industrielle Ambiente der ehemaligen LPG mit Wellblechhallen, Holzbuden und Großparkplatz wirkt wie eine Mischung aus Ost-Pro-Messe und Musikantenstadl. Nicht jeder empfindet das als ländlich, aber es zieht die Berliner in Strömen an. Und das liegt vor allem an der Eierbahn: Mit der kann man nämlich quer durch die Rinderaufzucht bis zum Hühnerstall fahren und eigenhändig Frühstückseier aus den Nestern stibitzen. Von Berlin-Karow bringt eine moderne Regionalbahn Landluftliebhaber in 20 Minuten zum Bauernmarkt. Die Schaffnerin sieht aus wie Petra Pau und – klar, Sozialistin – kontrolliert auch nicht. Von der Haltestelle führt ein von Schafskot gesäumter Plattenweg direkt vor die Tore des „Oberhavel Bauernmarkt“. Hier warten schon Dutzende Stände mit Obst und Gemüse, Räucheraal, Musikkassetten, Tierkalendern und Schmalzstullen auf die Neuankömmlinge aus der Großstadt. Ein Kilo Pflaumen oder Äpfel kann man für einen Euro aus großen Holzcontainern schöpfen. „Gala is jut“, sagt einer, „,nur de Pelle ist hart.“ Ein anderer probiert: „Bei da Säure fallen da ja de Zähne aus!“ Man feiert heute das 8. Kreiserntedankfest mit großem Festumzug und außerdem „10 Jahre Oberhavel Bauernmarkt“. Doch selbst ohne die Ohren- und Augenfreuden, die beide Spitzenevents versprechen, ist die Stimmung so gut wie die Kartoffeln: 1 A. Der Bauernmarkt selbst besteht aus zwei großen Restaurants, einer überdachten Ladenpassage mit Molkerei, Fleischerei, Bäckereiständen, Gastroinseln und Ständen für Pferdfleisch, Kaninchen, Möbel, russische Spezialitäten, Naturkosmetik, Straußenfarm-Produkte und Holundersaftschorle. Der gesamte Komplex wird ununterbrochen mit „Fiesta Mexicana“ und „Holzmichl“ bedüdelt. Im Milchladen kann man aus einer lebensgroßen Pappmachee-Kuh Cappuccinomilch der Hofmolkerei zapfen. Die Milch trägt ein mysteriöses TÜV-Zertifikat – schmeckt aber trotzdem lecker. Draußen befinden sich ein Bierzelt mit Showbühne, der Streichelzoo, das Ponyreiten und die Abfahrtsstelle der Eierbahn. Frust macht sich breit, als ausgerechnet heute eine der Eierbahnen eine

Ein Fuchs im Hühnerstall
Ein Fuchs im Hühnerstall

Reifenpanne hat und ausfällt: „Dit darf doch nicht passieren, sowat!“ Bei der nächsten Bahn kommt es zu Tumulten beim Einsteigen: Havelländer Familienväter rempeln für ihre Sprösslinge Sitzplätze frei, Berliner pempeln zurück: „Heeee, wat solln ditte!“ Die Fäuste sind geballt, aber die Bahn kullert schon Richtung Käserei bevor was passiert. Hier servieren servile Käse-Azubis Kostproben von Tilsiter, Käse mit Bärlauch und mit Aschekruste. Dann rattert der Zug mit einem Affenzahn durch die Kuhställe. Zum Glück, denn es duftet sofort gewaltig nach Landluft. Zwischendurch erfährt man, dass der Hof tiefgefrorenes Ochsensperma aus den USA importiert, von dem 100 Befruchtungseinheiten in eine Kugelschreibermine passen. Verdünnt mit Magermilch wird es zum Zeitpunkt X den Rindern von einer festangestellten Diplom-Spermawirtin oder so ähnlich verabreicht.  Kurzer Stop jetzt bei den ganz jungen Kälbchen im Nebenhof: „Alles aussteigen!“ Weil Kühe oben keine Zähne haben, Gras und Gesträuch mit Zunge und Lippen ausrupfen, kann man sie getrost streicheln und das machen auch alle ganz verzückt als hätten sie noch nie was von Rinderbraten gehört. Dann geht‘s noch schnell zum Freigehege des Sechs-Zentner-Zuchtebers mit monströsen, rückseitig ausladenden Hoden, die für Verwunderung bei den mitreisenden Kindern „Warum hat das Schwein so Beulen?“ und hilfslose Eltern „Komm wir besuchen die Ferkel.“ sorgen. Beim Betreten von Schweinchen Babes Kinderstube beginnt das große Wehklagen der Großstadtluschen ob des infernalischen Gestanks. Aber so ist das nun mal, wenn man sich für einen Besuch

Schnürsekel machen die Hühnchen wuschig
Schnürsekel machen die Hühnchen wuschig

im Herkunftsland unserer Mittagessen entscheidet. Nun aber endlich zu den Hühnchen! Wenn die Bahn aus der Ferne herannaht, scheuchen die Freigängerinnen vom äußeren Pickgelände durch eine kleine Luke in den Hühnerstall. Rund 2.000 Hennen gackern was das Zeug hält und stellen sich den Eiersuchenden in den Weg, jeweils fünf hacken auf einen Schnürsenkel ein, so dass man sich nur ganz langsam voran bewegen kann. Vorsicht ist auch an den Nestern geboten, denn hier wird gnadenlos auf die Eierdiebe eingepickt. „Dit ist schön zwischen die Hühner“, sagt ein Erfolgreicher und steckt ein „arschwarmes“ Ei in seinen Karton. Frischere Eier gibt es nicht! Bezahlt wird am Ausgang, ein Ei kostet 19 Cent. „Junge Hühner und alte Kühe machen jeden Bauern reich“, sagt der Stall-Guide und meint, dass alte Kühe mehr Milch geben und junge Hühner mehr Eier legen als alte, was ein eindeutiger Hinweis auf die Lebensdauer der frei rennenden Hennen ist. Oliver Numrich

(Diesen Text habe ich vor dem Auftreten der Vogelgrippe in Europa geschrieben. Möglicherweise ist es heute nicht mehr erlaubt, sich im Hühnerstall bepicken zu lassen…)

Alle freuen sich aufs Schlachtefest! (wirklich alle?)
Alle freuen sich aufs Schlachtefest! (wirklich alle?)

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