Portrait: Vom Heimerzieher zum Ausbildungsleiter


Aalen – Sozialpädagogen haben vielfältige Arbeits- und Einsatzmöglichkeiten. Der Diplom-Sozialpädagoge Harald Michel, 44, etwa hat lange die Jugendarbeit der Johanniter in Aalen betreut. Eigentlich wollte er Lehrer werden, aber da gab es damals, vor 20 Jahren, kaum Aussichten auf eine Anstellung in Baden-Württemberg. Also entschied sich Harald Michel dazu, einen verwandten Beruf zu erlernen: Sozialpädagoge. Dafür nahm er nach Abitur und Wehrdienst gleichzeitig einen Job an und ein Studium auf – das ist ein besonderes Ausbildungsangebot in Baden-Württemberg: Die Berufsakademie. Dabei ist man immer im Wechsel drei Monate beim Arbeitgeber und drei Monate an der Hochschule. Es ist wie beim Studium, nur dass man keine Semesterferien hat. Michels Arbeitgeber, das Heilpädagogische Kinderdorf, hatte nur das halbe Jahr etwas von seinem Mitarbeiter. Dafür musste es aber monatlich auch nur 350 DM für ihn bezahlen – ein Azubi-Gehalt. „Nur meine Schule war eben nicht die Berufsschule, sondern die Fachhochschule.“ Nebenher jobbte Michel an der Tankstelle, übernahm diese zehnstündigen Nachtschichten an der Durchreiche. Und weil er preiswert bei den Eltern gewohnt hat, kam er finanziell über die Runden. Nach der Ausbildung landete er zunächst in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche. „Die sozialpädagogischen Stellen liegen auch nicht auf der Straße und als Berufsanfänger muss man da hingehen, wo was zu kriegen ist“, sagt er heute. Die Einrichtung wurden von katholischen Ordensschwestern geleitet und hatte entsprechend hohe Ansprüche an seine Mitarbeiter: „Der Erzieher sollte Vater und Mutter ersetzen“, sagt Michel, „das hätte bedeutet, dass man den Rest seines Lebens aufgibt, dass man wie eine Nonne kein Privatleben mehr hat.“ So etwas kann ein junger Mensch nicht lange durchhalten und in Michel wuchs die Unzufriedenheit. Mit seinen Schützlingen musste er die einfachsten Dinge des Alltags trainieren: rechtzeitig aufstehen, zur Schule gehen, vernünftig miteinander umgehen. „Natürlich ist das frustrierend“, sagt er, „man muss sich Selbstschutz organisieren.“ Nachdem er ein halbes Jahr in dem Heim gearbeitet hat, erfuhr Michel von der Stelle bei den Johannitern. „Das war eine Schicksalsfügung“, sagt er heute, denn da wurde genau das gesucht, was er gelernt hat und dazu auch noch in seiner Heimatstadt Aalen. „Mit Hilfsorganisationen hatte ich gar nichts zu tun, als ich zu den Johannitern kam“, bekennt er, sein Steckenpferd war vielmehr der Sport, Fußball und Tennis. Doch im November 1989 wurde er von der JUH in Aalen als deren „Berufsjugendlicher“ eingestellt und zum Leiter der Jugendarbeit. Oberstes Ziel damals: Neue Ehrenamtliche gewinnen. Also knüpfte Michel Kontakte zu den örtlichen Schulen, bot Erste Hilfe Kurse an und verhandelte mit den Schulleitungen darüber, über die Einführung von Schulsanitätsdiensten. „Wir können in besonderer Weise Jugendliche zu sozialem Engagement motivieren“, ist Michel überzeugt. Es sei ein gruppendynamischer Prozess: Gute Leute machen den Anfang und ziehen wieder welche an. Sanitätsdienst in der Schule sei für manche Schüler zum Statusfaktor geworden: Wir dürfen was machen und die Lehrer halten sich zurück. „Die Lehrer haben das akzeptiert und stehen voll hinter dem Konzept dahinter“, sagt Michel, „keiner glaubt, er sei kompetenter als die Jugendlichen.“ Diese Erfahrung zu machen, ist ein tolles Gefühl für jeden Schüler. Mit dem 40. Lebensjahr hat Michel sich entscheiden, nicht mehr aktive Jugendarbeit zu leisten. 2002 wurde er stattdessen Ausbildungsleiter der Johanniter und koordiniert jetzt alle Ausbildungsangebote im Regionalverband Ost-Württemberg. Und in seinem Regionalverband gibt es jetzt auch eine Mitarbeiterin, die zugleich an einer Berufsakademie studiert. Denn dieses Modell kann Michel uneingeschränkt empfehlen. Oliver Numrich

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