Weiterbildung: Mit sich selbst verabreden


„Lernen, lernen, popernen“, singt Helge Schneider und meint damit vielleicht, dass man sein Leben langen lernen muss, um beruflich gesehen am Ball zu bleiben. Vielleicht auch nicht. Politiker sagen sowas auch und immer mit einem unangenehm mahnenden Unterton. Klar ist, dass heute kaum jemand mit einer einzigen Ausbildung durchs Berufsleben kommt: Wer gezwungen ist, seine Arbeitskraft zu verkaufen, muss sich entsprechend der Stellenangebote weiterbilden. Und auch wer eine Stelle hat, weiß, dass die eigene kleine Arbeitskraft angesichts von Millionen Arbeitslosen unter einem enormen Vermarktungsdruck steht. Kein Arbeitnehmer ist mehr sicher vor der nächsten Entlassungswelle und sollte daher zusehen, seine „Beschäftigungsfähigkeit“ zu erhalten, raten Experten. Weiter, immer weiterbilden also, aber wohin? „Eine Weiterbildung muss vor allem zu einem selbst passen“, meint Walther Kösters von der Stiftung Warentest. Der Leiter der Abteilung Weiterbildungstests und sein Team führen seit 2002 jedes Jahr 20 Untersuchungen im unübersichtlichen Weiterbildungsmarkt durch, in dem bundsweit mehrere Zehntausend Anbieter an die Hunderttausend verschiedene Kurse offerieren. Wer gar keine Idee hat, wohin er sich fortentwickeln will, dem empfiehlt Kösters Selbsttests durchzuführen, die auch im Internet angeboten werden. So ein Test kann helfen, die vorhandenen Qualifikationen mit persönlichen Fähigkeiten und Interessen zu einem Berufsprofil zu bündeln.  Die nächste Hürde besteht darin, eine passende Bildungseinrichtung zu finden. Auch hier kann das Internet helfen. Es gibt spezielle Datenbanken, in denen Weiterbildungsangebote verzeichnet sind und Anbieter regional oder thematisch eingrenzt werden können. Auch die Qualität der verschiedenen Datenbanken hat die Stiftung bereits untersucht, die Testergebnisse sind unter http://www.stiftung-warentest.de abrufbar. Von seinen Testteilnehmern weiß Kösters, dass man mit einem Weiterbildungskurs auch richtig reinfallen kann: Langweiliger Frontalunterricht, schlechte technische Ausstattung, zu kleine Räume. „Oft bezahlen sie nur dafür einige hundert Euro mehr, dass sie guten Kaffee serviert kriegen“, sagt Kösters. Richtig ärgerlich ist das dann, wenn man sich für ein oder zwei Jahre fest an einen Anbieter gebunden hat. Die großen Weiterbildungen mit abschließender Kammerprüfung seien dabei weniger riskant, weil hier feste Prüfungsordnungen existieren und die Kurse Vorbereitungen auf diese Prüfungen darstellen, sagt Kösters. Unangenehme Überraschungen gäbe es gerade bei Trendberufen vom Wellness-Berater bis zum Aerobictrainer (siehe Kasten 2) und bei kurzfristigen Weiterbildungen wie einer Rhetorik-Schulung oder einem PR-Seminar. „Meist gibt es keine klaren Abschlüsse, da kaufen sie oft die Katze im Sack.“ Deshalb sollte man fünf bis sechs Anbieter auswählen und deren Qualität anhand einer Checkliste wie der vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (www.die-bonn.de/checkliste) überprüfen. Außerdem kann man zu potentiellen Ausbildungsstätten hinfahren und mit Teilnehmern eines laufenden Kurses sprechen: Erscheinen die Trainer immer pünktlich zum Unterricht? Werden die Inhalte gut vermittelt? Gibt es Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern und sind Praktika in die Ausbildung integriert? Auch wichtig: Welchen Stellenwert hat das Zertifikat, das ich erhalte? Wenn es nur eine Teilnahmebescheinigung gibt, dann sollte mindestens drinstehen, was für Inhalte mit der Teilnahme verbunden waren und ob es eine Abschlussprüfung gegeben hat. Noch besser ist ein anerkanntes Zertifikat von der Volkshochschule oder der Industrie- und Handelskammer (IHK). An der Berliner IHK laufen vor allem Weiterbildungs-Klassiker: BWL zum Beispiel vom Grundkurs bis zum Betriebswirt, Rechungswesen, Controlling, Buchhaltung. Zwischen 2.500 und 3.000 Menschen besuchen pro Jahr Weiterbildungsveranstaltungen der IHK, rund 3.500 legen jährlich hier Prüfungen ab. „Die meisten Angebote richten sich nicht an Neueinsteiger, sondern an Praktiker, die ihre Karriere entwickeln wollen“, erklärt Grit Markert, Teamleiterin der Abteilung „Weiterbildung“ der IHK Berlin. „Es gehört ein enormes Durchhaltevermögen dazu, monatelang neben der Arbeit die „Schulbank“ drücken“, sagt Markert, „ich habe großen Respekt vor jedem unserer Teilnehmer.“ Um neben Beruf, Familie und Weiterbildung noch etwas Freizeit zu haben, muss man sich mit sich selbst verabreden“, berichtet die Absolventin eines zweijährigen PR-Seminars. Der Lohn für strenges Selbstmanagement, vernachlässige Freunde und zerstörte Beziehungen: ein deutlicher Schritt nach oben auf der Karriereleiter. Oliver Numrich

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