Sport mit Schlaganfall: Die andere Körperhälfte zurückgewinnen


Inge Hartwig reckt sich nach den bunten Ballons, die durch die Luft wirbeln und einer nach dem anderen zu Boden sinken. Fast kriegt sie einen gelben zu fassen, da schnappt ihr ein Sportsfreund mit längeren Armen den vor der Nase weg: „Pech gehabt!“, sagt er mit gespielter Gehässigkeit. Doch die 52-Jährige, die schon im Alter von 19 Jahren einen Schlaganfall erlitt, nimmt es sportlich und hechtet stattdessen einem grünen Luftballon hinterher. Weil ihr linkes Bein nicht so beweglich ist wie das rechte, fällt ihr das Laufen schwer, ihr Gang ist schwankend und ungleichmäßig. Trotzdem erwischt sie den Ballon kurz bevor er den Boden berührt. „Ich bin schon oft hingefallen“, sagt Hartwig, „und trotzdem nehme ich an allen Übungen teil – man muss ja etwas tun.“ Wie wichtig es ist, nach einem Schlaganfall regelmäßig Sport zu treiben, hat Inge Hartwig am eigenen Leib erfahren. Am 6. September 1974, Hartwig lebte damals im sachsen-anhaltinischen Halle an der Saale, platzte die kleine Ausbuchtung einer Blutgefäßwand in ihrem Kopf. Der jungen Frau wurde schwindelig, sie kam ins Krankenhaus, doch die Ärzte erkannten nicht die Ursache. „Weil ich so jung war, kamen die überhaupt nicht darauf, dass es ein Schlaganfall sein könnte“, erinnert sich Hartwig. Die Gehirnblutung hat zu einer weitreichenden Lähmung der linken Körperhälfte geführt, trotzdem wurde drei Jahre nach dem Schlaganfall die Krankengymnastik eingestellt. „Man sagte mir, was nach drei Jahren nicht wiederkommt, kommt nie wieder.“ Daraufhin schwindet sämtliches Muskelgewebe der einen Körperseite und in den folgenden Jahren verfällt Hartwigs linke Hälfte, bis nur noch Haut und Knochen übrig sind. „Ich habe mich in dieser Zeit nur noch auf die rechte, auf die gute Seite konzentriert“, sagt sie mit nervöser Stimme, „ich habe meine linke Schulter überhaupt nicht mehr gesehen!“ Als könnte sie ihr Schicksal selbst nicht fassen, schüttelt sie den Kopf: „25 Jahre lang war meine linke Seite wie gelöscht in meinem Kopf! Da darf ich gar nicht drüber nachdenken…!“ Erst nach der Wiedervereinigung beginnt Hartwig erneut mit Krankengymnastik, Ergotherapie und Sport in der Schlaganfallgruppe. Endlich kann sie die Muskeln, die teilweise funktionieren, wieder aufbauen und Gespür in der linken Körperhälfte zurückerlangen. „Ich habe meine Mitte wiedergefunden“, sagt sie heute stolz, „ich fühle mich endlich wieder wie ein ganz normaler Mensch!“ Neben Hartwig gehören noch sieben weitere Schlaganfall-Betroffene zu den regelmäßigen Teilnehmern der Sportgruppe des Landesselbsthilfeverbands Schlaganfall, Aphasiebetroffener und gleichartig Behinderter Berlin e. V. Jeden Mittwoch treffen sie sich in einem Reha-Zentrum in Berlin-Mitte, in dem ihnen neben einer Turnhalle auch Ergometer und einmal im Monat das Schwimmbad zur Verfügung stehen. Und natürlich die Cafeteria im Innenhof, in der sie sich schon eine Stunde vor dem Training treffen, um sich bei einem Kaffee auszutauschen. Marianne Lange, Studentin der Sportwissenschaften mit Fachrichtung Rehabilitation/Prävention im achten Semester, trinkt lieber Wasser. Sie leitet seit gut einem Jahr die agile Gemeinschaft. „Ich habe mich ganz langsam an die Gruppe herangetastet“, sagt die junge Trainerin, „schließlich musste ich ja erst mal sehen, was mit ihnen geht und was nicht.“ Besonders wichtig ist ihr, die Koordinationsfähigkeit der Teilnehmer zu erhalten und kognitive Fähigkeiten wie Orientierung im Raum und Sprachvermögen zu verbessern. Dazu baut sie Denksportaufgaben in die Sportübungen ein. So sind etwa auf die Luftballons die Begriffe Blume, Haus und Auto geschrieben und entsprechende Symbole aufgemalt. Die Teilnehmer müssen nach dem Auffangen der Ballons die Worte den richtigen Bildern zuordnen und entsprechende Pärchen bilden. Anschließend sollen sie Sätze mit den Begriffen bilden und schließlich eine Geschichte daraus erzählen, in der alle Begriffe vorkommen. Trotz ihres Studiums musste Lange eine spezielle Fortbildung besuchen, bevor sie die Gruppe anleiten durfte, denn Menschen mit Schlaganfall müssen beim Sport besonders betreut werden. Die Fortbildungen orientieren sich dabei in der Regel an Fachbüchern wie dem von der Schlaganfallhilfe herausgegebenen Ratgeber „Sport nach Schlaganfall“, in dem die notwendigen Voraussetzungen und die therapeutischen Ziele von Sport für Schlaganfall-Betroffene genau beschrieben werden. Allerdings verläuft jeder Schlaganfall anders und führt zu unterschiedlichen Beeinträchtigungen. Deshalb muss das Training immer individuell darauf abgestimmt werden, was die einzelnen Teilnehmer können. „Es gibt da kein Patentrezept und keine Übungsabfolge, die für alle gelten“, meint Lange. Nur eins ist sicher: Ganz falsch ist es, gar nichts zu tun. „Bewegung und Sport lohnen sich immer, ich selbst bin das beste Beispiel“, bekräftigt Inge Hartwig und sprintet wieder dem grünen Luftballon hinterher, auf den Trainerin Lange eine kleine Sonnenblume gemalt hat. Oliver Numrich

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