Die deftige Kost der frühen Jahre: Die Stadtklause am Anhalter Bahnhof


In Berlins Goldenen Jahren schlug hier, zwischen Potsdamer und Anhalter Bahnhof, das Herz der Großstadt. Heute ist die einst wichtigste Eisenbahnstation der Stadt eine Fassadenruine mit Sportplatz – Hotels und sozialer Wohnungsbau haben die übrige Gegend unter sich aufgeteilt. In der neu eröffneten Stadtklause sind die Uhren eifrig zurück gedreht worden, denn alles atmet hier Geschichte, scheint von einer dicken Patinaschicht überzogen zu sein: Die Kassettendecke mit den vielen bösen Wolfram-Glühbirnen, die holzvertäfelten Wände, das lodernde Ofenfeuer, die erhöhten, schmalen Tische vor umgebauten S-Bahn-Bänken.

Der Gast kann hier erstaunliche sakrale Elemente entdecken. Etwa eine hölzerne Straheln aussendende Madonna, bunte Butzenscheiben und ein gotisches Fenster zur Straße. Davor steht auf einem kleinen Plateau eine Art Harmonium, auf dem manchmal jemand Moritaten begleitet. Frühstück gibt es ab acht, mittags werden zwei verschiedene Gerichte von Schnitzel bis Teigtaschen angeboten und am Abend Kleinigkeiten und Suppen. „Alle Gerichte sind auf Brotbasis“, erklärt ein liebenswürdiger Wirt, von dem man annehmen darf, dass er vor Jahren Architektur oder Stadtentwicklung studiert hat, angesichts des Fachwissens, das er über den Anhalter bereithält. „Soll  ich euch nen strammen Max machen?“, schlägt er schließlich vor, doch zum Glück kann er auch noch Bratwurst mit Kartoffelsalat zaubern. Das ansonsten dringend zu meidende Berliner Pilsner schmeckt aus einem Steinguthumpen erfreulich anders. Vorne weg gibt es eine Kartoffelsuppe, auf der Ölteppiche schwimmen. Sie besteht vor allem aus Speck, Mettwurst-Hächseln und Zwiebeln. Dazu kommen Graubrotscheiben, von einem Fünfkilolaib, der im eigenen Ofen gebacken wurde. Es schmeckt deutlich nach Kümmel, wie schon die Suppe, und man fühlt sich an Kindertage erinnert, in denen man zuletzt an zähen, tiefdunklen Krusten kaute. Als Zwischengang gibt es Fußballergebnisse. Die folgende feine Bratwurst mit Senf droht von einem Riesenhaufen Kartoffelsalat vom Teller gestoßen zu werden. Sehr traditionell ist er zubereitet, mit ordentlich Mayonnaise. Die Klause wird offenbar von Dauer- und Tagestouristen aus Übersee besonders geschätzt. Während unseres Besuchs am frühen Abend sind nur englischsprachige Gäste da, die erst lange vor der Tür beratschlagen, bevor sie zögerlich eintreten. Manchen Abend sitzen an allen Tischen Einzelpersonen und lesen still in den ausliegenden Geschichtsbüchern, erzählt der Wirt. Wer die Josef-Roth-Diele in der Potsdamer Straße kennt, wird den retro-rustikalen Stil der Stadtklause wieder erkennen – die beiden Läden gehören zusammen. Oliver Numrich

Beste Pille danach: Renny
Bester Zeitvertreib: Die Ausstellung „Das Kaiserreich in 3D“ im oberen Stockwerk
Beste Einkehrzeit: Nach dem Kino

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