Kräuter-Cocktails im „Herr Lindemann“ am Richardplatz

Gastronom Herr Lindemann Peter Edinger Fotograf Oliver Numrich

Herr Lindemann besaß Ende des 19. Jahrhunderts eine Heilkräutermanufaktur an der pfälzischen Weinstraße und eröffnete in den 1920er Jahren eine Dependance in Berlin. Lindemann Junior indes bemühte sich darum, Produkte mit berauschenden Kräuterauszügen auf den Markt zu bringen, was jedoch zur polizeilichen Schließung des Lokals führte. So oder so ähnlich erzählt Gastronom Peter Edinger, 35, die Geschichte seiner Bar Herr Lindemann, die kürzlich am Richardplatz 16 im gut erhaltenen Altberliner Kiez Rixdorf eröffnet hat. Sein von den Lindemanns inspiriertes Konzept lautet „Cocktails auf Heilkräuterbasis“.

Auf die mit den Kräutern ist er im ländlichen Brandenburg gekommen, wo er sich mit Freunden ein Wochenendhaus teilt. „Ich habe einen Kräutergarten angelegt und mich intensiv mit Wirkung und Geschmack verschiedener Kräuter beschäftigt und schließlich den Entschluss gefasst, das mit Cocktails zu verbinden“, sagt Edinger. Bei der Recherche stieß er auf die New Yorker Bar „Apotheke“, die mit Kräutern und  Früchten arbeitet und ein Barbuch herausgegeben hat. „Das hat mir allerdings nicht gefallen und so habe ich meine eigenen Cocktails kreiert.“ So zum Beispiel den „Ziegenpeter“ mit asiatischem Ziegenkraut, das angeblich die Potenz steigert. Edinger hat es in verschiedene Rumsorten eingelegt, bis er die Sorte gefunden hat, dessen Geschmack am besten mit dem Ziegenkraut harmoniert. Damit hat er unter Hinzugabe von Wermut, Zitronen- und Grapefruitsaft sowie Bitters den „Ziegenpeter“ kreiert.

Zum Glück würden die Berliner bei Cocktails immer experimentierfreudiger, meint Edinger, und suchten nach neuen Geschmackserlebnissen. „Früher wurde in Cocktailbars viel Planters Punch bestellt, Sex on the Beach und solche Sachen mit viel Süße, Säure oder gar Sahne, die den Alkohol überdecken“, sagt Edinger, „aber so etwas mache ich hier nicht, das passt nicht in mein Konzept. Drinks, bei denen man nur den Alkohol versteckt, um ihn schmackhaft zu machen, ist nicht mein Anspruch.“ Seine Gäste legten mehr Wert auf den eigentlichen Geschmack der Spirituose, dabei seien auch herbe Noten mehr und mehr akzeptiert. Entsprechend finden sich auf seine Karte, die den Titel „Herba Liqiudum – Flüssiges zur oralen Einnahme“ trägt, viele Cocktails mit Würzbitter und Bitterspirituosen. Neben Kräutercocktails wie Shery Tea Cobbler mit Sherry Manzilla, Teedestilat und Orangenblütenwasser oder Miss Piggys Delight mit Salbei-Elixir auf Gin-Basis, Minztee und Orangensherbet werden im Herr Lindemann auch Allzeitklassiker angeboten wie Bloody Mary, Cosmopolitan oder Old Fashioned. Denn Klassiker perfekt zuzubereiten sei die große Kunst und Voraussetzung für Neuentwicklungen: „Neukreationen trinkt man vielleicht ein oder zweimal, aber die Klassiker haben sich nicht ohne Grund über Jahrzehnte erhalten“, sagt Edinger, „gute Mixologen fragen deshalb zuerst nach den Klassikern, um zu prüfen, ob das Gegenüber das Handwerk beherrscht.“ Seine Kräuter bezieht er überwiegend aus biologischem Anbau, überhaupt sei die Qualität der Spirituosen der wichtigste Baustein seiner Drinks. Zusammen mit einer Küchenkräuterexpertin bastelt Edinger an einer minimalistischen Speisekarte mit vorwiegend vegetarischen Snacks – ebenfalls auf Kräuterbasis.

Rund 80 Innenplätze bietet das Lokal, davon etwa 40 in einem separierten Raucherraum, in dem sich vor nicht allzu langer Zeit noch die Kneipe „Hang over“ befand, das Edinger umfassend umgebaut und doch etwas Patina des Vorgängers bewahren können: „Ich war etwas satt von dem typischen Berliner Stil, einfach alles kreuz und quer zu mischen, und wollte bei der Einrichtung eine einheitliche Linie reinbringen.“ Ein bisschen schicker, aber nicht steif war das Leitmotiv. Tresen, Tische und Bänke hat er selbst aus alten Gerüstbolen angefertigt, die Hocker nach eigenem Muster schweißen lassen, nur die Stühle sind dazu gekauft. Besonders heimelig wirken die kreativen Details, die überall im Lokal zu finden sind: von der Decke hängende Blumentöpfe, ein floraes Stilleben auf dem hölzernen Zigarettenautomat im Gang zu den Toiletten. Das elegante Beleuchtungskonzept sorgt für eine behagliche Atmosphäre. „Mein Anspruch ist nicht, die beste Cocktailbar der Stadt zu sein“, sagt Edinger mit ungekünzelter Bescheidenheit, „sondern einen Raum zu schaffen, der für Qualität mit Wohlfühlcharakter steht.“ Dass er von sich selbst sagt, ein guter Gastgeber zu sein, glaubt man ihm jedenfalls sofort.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Allgemeinen Hotel- und Gastronomie-Zeitung. 

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