Berliner Mythen: Die Heimat der Ost-Punks


Genosse Erich Honecker befindet sich auf Staatsbesuch in Indien, als sich das Leben der dreizehnjährigen Silke einschneidend verändert. In ihrem Kinderzimmer in Berlin-Weißensee stößt sie beim Durchblättern der „Bravo“ auf die Frisur, die sie schon immer haben wollte: Eine zottelige Punk-Variante mit Haaren, die zu allen Seiten abstehen. Kurz entschlossen färbt sich der Teenager die Haare mit Wasserfarben und nimmt Seife, um sie abstehen zu lassen. Ihr Outfit näht sie aus Kinderzimmergardinen, denn bunt gemusterte Stoffe sind Mangelware in der DDR. Von nun an nennt sie sich Cat und fährt im Sommer 1980 das erste Mal nach Treptow zum Kulturpark, wo sich die Ostpunks treffen. Der Kulturpark ist das Disneyland der DDR, das Tivoli des Ostens. Er wurde zum 20. Jahrestag der Volksrepublik eröffnet und bietet den Bürgern der DDR seitdem kurzweilige Vergnügungen aller Art: Karussells, Riesenrad, Geisterbahn, Open-Air-Bühne und sogar eine Westernstadt mit Cowboys. Die Punks schnorren schon an der S-Bahn, lungern vor dem Eingang und sammeln sich vor der Parkbühne. Der Neuling bleibt nicht lange abseits stehen, denn Punk-Mädchen sind selten. „Ich hatte ein Stirnband um und ein Punk sagte mir, dass er dit nich so cool fand“, erinnert sich Cat. Von nun wird jeder Sonnabend heiß erwartet, dann sind Chaostage im Plänterwald angesagt. In den Jugendclubs sind die Schmuddelkinder unerwünscht, auf der Straße werden sie begafft und von Volkspolizisten schikaniert, nur im Kulturpark werden sie in Ruhe gelassen. Hier duldet sie der Apparat, um den Überblick zu behalten. Hierher kommen alle: die vom Alex, die aus Köpenick, die Nobelpunks, die, die Musik machen, und die, die vor allem auf Alkohol stehn. Nachmittags trudeln sie ein, später ziehn sie in Gruppen von 20 bis 50 Leuten durch die ganze Stadt. „Das war toll, wenn ich aus dem pupigem Weißensee hochgestylt los bin“, sagt Cat, „die Ausstrahlung zu haben und die Blicke.“ In der Gruppe fühlt sie sich sicher und stark. Doch Honnis Schergen begleiten die Punks auf allen Ausflügen – schließlich ist der Prollo-Diktatur jeder suspekt, der aus dem Trott ausbricht. „Obwohl die Vopos immer mitgelaufen sind, litten wir nicht ständig unter Angst, wir haben uns auch gut gefühlt, weil wir einen Schritt weiter waren.“ Aber ein Punk in der DDR riskiert eine Menge: Viele wanderten wegen Kleinigkeiten in den Knast, wurden in die Armee oder zur Ausreise in den Westen gezwungen. „Samthandschuhe ausziehen!“, hatte Mielke seinen Leuten befohlen. „Man kann das nicht vergleichen mit heutigen Punks, sagt Cat, die mittlerweile als Sozialpädagogin in Kreuzberg arbeitet, „wir waren Vorreiter für was anderes, was Neues.“ Das Neue brachte unter anderem die Wende und einen Investor für den Kulturpark. 2001 hat dieser den in „Spreepark Plänterwald“ umbenannten Freizeitpark erfolgreich ruiniert und sich nach Peru abgesetzt. Bis heute liegt das Gelände am Spreeufer brach, nur in der Westernstadt leben noch ein paar Mitarbeiter, die früher die Cowboys waren. Oliver Numrich

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