Berliner Mythen: Die Heimat der Stummfilmstars


An Gigantomanie herrschte in Berlin noch nie ein Mangel. Auch 1928 nicht, als die Nationalfilm AG das größte und modernste Lichtspieltheater seiner Zeit eröffnet und auf den Namen der griechischen Riesengötter tauft: Titania-Palast. 2.000 Zuschauer finden Platz im Parkett, den Logen, Balkonen und auf dem Rang. Geboten werden modernste Vorführgeräte, Klima- und Entstaubungsanlage sowie ein Wolkenapparat, der Schäfchen an die Decke zaubert. Auch architektonisch provoziert der Palast mit äußerster Modernität. Die Fassade ist ganz im Stil der neuen Sachlichkeit gehalten, ohne Stuck und Zierrat. Dazu der letzte Schrei aus New York: Lichtarchitektur. Ein 30 Meter hoher Turm wird von 3.500 Lämpchen indirekt beleuchtet. Innen Art deco: impressionistisch, verspielt, rund. Die Theaterbühne sieht aus wie ein aufgerissenes Fischmaul, die Zahnreihen bilden die 3.250 Pfeifen der riesigen Kinoorgel. Vor jeder Vorführung gibt es ein Varietéprogramm mit Artisten, Zauberkünstlern, Liliputanern. „Der Tingeltangel ist ein Relikt aus der Zeit, als Filme noch auf dem Rummelplatz gezeigt wurden“, erklärt Rolf Grünewald. Der Rundfunkjournalist hat ein Buch über den Titania-Palast geschrieben und kennt ihn „von der Bauplanung bis zum Schuhmarkt.“ Eröffnet wurde mit „Der Sprung ins Glück“ mit Stummfilmstar Carmen Boni in der Hauptrolle. „Mich faszinieren die Menschen, die in der Geschichte versunken sind“, sagt Grünewald, „alles was von Boni übrig blieb, ist ein Verriss in einer uralten Zeitung, die keiner mehr liest.“ Ab 1933 werden zu leichter Muse mit viel Heinz Rühmann a là „Hurra ich bin Papa“ auch Propagandafilme gezeigt wie „Triumph des Willens“ und „Hitlerjunge Quex“. Fast bis Kriegsende drehen sich die Projektoren. Gleich danach erlebt der Titania-Palast, der den Bombenhagel unbeschadet übersteht, eine neue Blüte. Bis zum Mauerbau ist er der zentrale Veranstaltungsort Gesamtberlins: Stammhaus der Berliner Philharmoniker, Operettenbühne, Sendestudio für Quizshows von Hans Rosenthal und Peter Frankfeld. Die „Insulaner“ machen hier Kabarett und die Berliner Morgenpost veranstaltet ihre „Brigitten-Nachmittage“. Die FU wird im Kinosaal gegründet, Theodor Heuss zum Bundespräsidenten gewählt, die Berliner Festwochen und die erste Berlinale hier veranstaltet. Stars aus aller Welt treten im Titania-Palast auf, darunter Josefine Baker, Louis Armstrong und Charlie Rivel. Orson Welles führt seine Faust-Adaption „Time runs“ auf. Das Gretchen wird von einer unbekannten 20-Jährigen gespielt: Eartha Kitt. Und auch Marlene kommt in den Titania-Palast: Nach 30 Jahren tritt die Dietrich am 3. Mai 1960 erstmals wieder öffentlich in Berlin auf. Jeder kennt das Foto mit dem beschämenden „Go Home“-Plakat vor dem Titania-Palast. „Das waren wenige Ewiggestrige“, sagt Grünewald, „im Saal wurde sie bejubelt.“ Der Niedergang kommt schleichend durch die Konkurrenz neuer Theater und des Fernsehens. Am 9. Januar 1966 fällt der letzten Vorhang, nur mit Mühe gelingt es Bewag und Bezirkspolitikern, den Abriss zugunsten eines Kaufhauses zu verhindern. Oliver Numrich

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