Berliner Mythen: Die Heimat der verstorbenen Juden


Überdacht von alten Kastanien trotzen die grauen Stelen und Grabsteine den Jahrhunderten. Manche neigen sich schief zur Seite, manche sind flach nach vorne gefallen, dazwischen wuchert dunkelgrün Efeu und Moos. 100.000 Gräber, eng an eng, in über 130 Feldern, 100 Kilometer lang führen Wege in ein Labyrinth aus Erinnerung: Auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee hat Zeit keine Bedeutung. „Es tickt die Uhr. Dein Grab hat Zeit, drei Meter lang, ein Meter breit. Du siehst noch drei, vier fremde Städte, du siehst noch eine nackte Grete, noch zwanzig-, dreißigmal den Schnee – Und dann: Feld P – in Weißensee“ dichtete Kurt Tucholsky 1925. Hinter den Friedhofsmauern bestimmt die Ewigkeit, denn die Grabstätten der Juden sind für immer angelegt, eingeebnet nach 30 Jahren wird nicht. Das erklärt den hohen Platzbedarf. Als in den 70er Jahren des vorletzten Jahrhunderts die Friedhofe an der Großen Hamburger Straße und in der Schönhauser Allee belegt waren, kaufte die Jüdische Gemeinde das 42 Hektar große Gelände weit außerhalb Berlins – in Weißensee. Am 9. September 1880 ist die Einweihung. 1937 besucht ihn Gisela Mießner, geborene Mannheim, das erste Mal. Sie ist 12 Jahre alt, als ihre Cousine Edith Hirschberg beerdigt wird. Sie hatte sich aus Liebeskummer das Leben genommen, denn ihre Zuneigung zu einem „Arier“ wurde von den Nürnberger Rassengesetzen verboten. Giselas Mutter ist Christin, der Vater Jude, „privilegierte Mischehe“ hieß das im Nazi-Jargon. Die großen Feste werden gleich zweifach gefeiert: Erst Weihnachten, dann Chanukka. „Als Giselchen habe ich immer doppelt und dreifach gekriegt“, erinnert sich Mießner. Regelmäßig wird die resolute Mutter vorgeladen und bedrängt, sie solle sich scheiden lassen. Als sie sich im Sommer 1944 erneut weigert, wird die ganze Familie zur Zwangsarbeit herangezogen. Weil sie keine öffentlichen Verkehrmittel oder gar Taxis mehr benutzen dürfen, spazieren Giselchen und Vater Joseph Sonntags von ihrer Wohnung an der Jannowitzbrücke zum Weißenseer Friedhof und besuchen Tante Hedwig, Cousine Edith und all die anderen, die inzwischen Nazis und Krieg zum Opfer gefallen sind. „Trotz Bombenschäden war der Friedhof ein Stück Heimat für mich.“ Am 28. April 1945 sucht die Familie Schutz in einem Bunker am Alexanderplatz. Die rote Armee hatte den Alex bereits erobert und wieder an SS-Einheiten verloren. Plötzlich heißt es: Alle Juden raus! Zwei Stunden später wird Joseph Mannheim von Nazi-Schergen niedergeschossen. Die Beisetzung findet in Weißensee durch Rabbiner Martin Riesenburger statt. Für den Sarg muss Gisela ihren einzig verbliebenen Ring geben. „Aber es war eine richtige jüdische Beerdigung“, sagt sie mit Tränen in den Augen. Noch 60 Jahre später besucht sie regelmäßig das Grab, legt Blumen nieder oder einen Kiesel auf den Grabstein. Der Friedhof muss dringend saniert werden. Die Jüdische Gemeinde hofft auf Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe. Und der Regierende Bürgermeister hofft, dass der Bund bezahlt. Oliver Numrich

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