Kinderkrankenpflege: Alles, nur kein Kinderkram


Unaufhörlich klingelt das Mobiltelefon von Hildegard Mengel – im Auto, bei Patienten, beim Mittagessen, im Interview. Die Fünfundvierzigjährige ist Leiterin der ambulanten Kinderkrankenpflege der Johanniter in Mainz und ständig gefragt. Eltern rufen an, weil eine automatische Sonde im Alarmmodus piept oder das Kind nicht zu weinen aufhört. Kinderärzte, die Patienten aufnehmen lassen wollen, fragen nach freien Kapazitäten. Krankenkassen läuten Sturm, um über Kostenübernahmen zu streiten. Mengels Nummer steht im Faltblatt, das in Arztpraxen ausliegt und ihre Handynummer ist die Notfallhotline, die an den Elterntelefonen klebt. Und Notfälle passieren ständig, auch nachts und am Wochenende. Dann schmeißt Mengel diejenige Kollegin aus dem Bett, die am nächsten wohnt, auch wenn es nur eine Teilzeitkraft ist: „Kannst Du bitte mal hinfahren und nachsehen.“ Und wenn sich niemand findet, fährt sie eben selbst. In ihrem Job haben Dienstpläne eine kurze Halbwertszeit, alles richtet sich nach den kleinen Patienten. Einen hohen Grad an Flexibilität und Engagement erwartet sie von allen im Team, das zur Zeit aus sieben hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und 15 Aushilfen besteht. Die Wechsel ihrer Schützlinge aus dem Krankenhaus, in das Krankenhaus, zwischen intensiver und weniger Betreuung, die Neuaufnahme von Patienten oder ihr Sterben, all das macht Personalplanung schwer. Immer wieder muss die engagierte Schwester Aufnahmeanfragen ablehnen, wenn das neue Kind das einzige in einem abgelegenen Städtchen wäre. Denn für eine Spritze pro Tag, für die sie nur wenige Behandlungsminuten abrechnen kann, lohnt sich keine weite Anfahrt. Dabei kurven die Johanniter-Schwestern schon 40 Kilometer rund um Mainz. Eine Absage bedeutet, dass die Kinder im Krankenhaus bleiben müssen und die Eltern enttäuscht sind. „Pflegestationen für Erwachsene nehmen keine Kinder als Patienten auf, weil sie zu kompliziert sind“, erklärt Mengel, „denen sind Senioren lieber, die sich einfacher pflegen lassen.“ Auch die Krankenkassen sind ein Stressfaktor für Mengel, selbst dreifache Mutter: Denn es gibt keine bundesweite Regelung der Kinderkrankenpflege, jeder Fall wird einzeln begutachtet und häufig genug abgelehnt. Einzelfallentscheidungen bedeuten aber immer ein großes Risiko für den Pflegedienst. Manchmal erhält sie erst 14 Tage nach Beginn der Pflege die Nachricht, dass die Kasse die Kosten übernimmt. Oder auch nicht. „Dabei ist die Unterbringung im Krankenhaus so viel teurer!“, entrüstet sich Mengel mit roten Wutflecken im Gesicht , „und für die Kinder und die Familie ist es schöner, wenn es gesundheitlich irgendwie geht, zu Hause zu sein.“ Die Kosten hängen wie ein Damoklesschwert über ihrer Arbeit: „Sobald ein Kind ins Krankenhaus kommt, habe ich schnell wieder zu viele Kosten. Eine Familie, die wir täglich vier Stunden betreuen, fährt jetzt in den Urlaub – das Geld fehlt mir natürlich sofort.“ Mengel sieht ihre Aufgabe vor allem darin, die Eltern bei der Pflege anzuleiten, ihnen die Scheu zu nehmen. „Die meisten Eltern lernen nach einer Weile, ihre Kinder zu versorgen. Neben der praktischen pflegerischen Hilfe brauchen sie drei Dinge von uns: eine Telefonnummer, Vertrauen und Verständnis für ihre Sorgen und Ängste.“ Trotz Ärger und Kummer macht ihr die Arbeit bei den Johanniter Spaß. Es ist eine sehr verantwortungsvolle Arbeit: „Als Kinderkrankenschwester sind sie ja alleine vor Ort. Sie müssen die Entscheidungen treffen, es gibt keinen Arzt wie im Krankenhaus, den sie mal eben fragen können.“ Ihre Hobbys? Familie, Haus und Garten – in der Reihenfolge. Und dann noch Reiten und Nordic Walking im Gonsenheimer Wald, aber dazu kommt es selten und selbst dann ist das Handy immer eingeschaltet. Oliver Numrich

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