Hilfe im Alltag: Erfindergeist im kurkölnischen Volmarstein


„Spielen wir was? Vielleicht Galgenmännchen?“ fragt Théophile, und wenn mein Kommunikationssystem schlagfertige Antworten nicht ausschlösse, würde ich ihm gern antworten, dass es mir schon reicht, den Gelähmten zu spielen“, beschreibt Jean-Dominique Bauby im Roman „Schmetterling und Taucherglocke“ seine missliche Lage. Bauby war durch einen Gehirnschlag für die letzten Monate seines Lebens fast vollständig gelähmt. Zwar sah, hörte und spürte er seine Umwelt, er war aber nicht in der Lage, sich ihr mitzuteilen. Allein mit dem Lid des linken Auges konnte Bauby mit der Welt außerhalb seines Körpers Kontakt halten. Deshalb schrieb er den Roman auch nicht, sondern „diktierte“ mühsam – alle 133 Seiten – mit dem Augenlid.

Taster mit Piktorgrammen
Taster mit Piktorgrammen
Der Roboter kann Fußballspielen
Der Roboter kann Fußballspielen

Bauby war – ein extremer Fall – in seinen Körper eingeschlossen. Doch wie viele Menschen sind aufgrund von Gebrechlichkeit oder Krankheit in ihrer Wohnung eingesperrt oder in ihr Bett oder den Rollstuhl! Für diese Menschen ersinnt, bastelt und testet das 20-köpfige Team des Forschungsinstituts Technologie-Behindertenhilfe Hilfsmittel. Es geht nicht um elitäre Spitzenforschung hier in Volmarstein bei Hagen – dafür wäre das Budget auch viel zu schmal. Es geht um praktische Verbesserungen für Menschen mit den verschiedensten Handicaps, die erstens preiswert und zweitens leicht umzusetzen sein müssen. Die selbst entwickelten Erfindungen präsentiert das Forschungsinstitut Technologie-Behindertenhilfe zusammen mit einer breiten Palette herkömmlicher Hilfsmittel in einer Dauerausstellung. Die Ausstellungsräume erinnern eher an ein Materiallager, als an ein Museum. In der Mittagssonne, die durch die großen Fenster strahlt und die Staubteilchen auf dem Holzboden aufleuchten lässt, dösen Krücken und Stützen einsam vor sich hin. Keiner will sie sehen – erinnern sie den Gesunden doch daran, dass er einmal auf sie angewiesen sein wird. Nur Menschen mit Eigenbedarf überwinden ihre Furcht und melden sich zur Besichtigung an, etwa 1000 Besucher kommen jedes Jahr. Heute bin ich mit den Exponaten allein. Der Rundgang beginnt im Erdgeschoß. Schon der Empfangstresen hebt sich ab. In ihn ist eine Kerbe eingesägt, in die Wartende ihren Krückstock einhängen können. Hinter und neben dem Tresen wartet eine Schar technischer Kleingeräte: Eine Telefontastatur, die keine Zahlen hat, aber breite Tasten mit Bildern. Sie wurde für Menschen entwickelt, denen es schwer fällt, sich an Nummern zu erinnern oder eine herkömmliche Tastatur zu bedienen. Sie müssen nur noch auf die Taste mit dem Bild der Tochter drücken und schon wird deren Nummer gewählt. Telefone dieser Art gibt es ab 30 Euro im Elektronikmarkt. In einer Vitrine finde ich ein Hausnotrufgerät, wie es auch die Johanniter anbieten. Mit dem Fernauslöser kann ein Alarm in die Hausnotrufzentrale gesendet werden, etwa wenn sein Besitzer gestürzt ist und nicht mehr alleine aufstehen kann. In seinen Beratungen empfiehlt das Institut diese Geräte gerade Alleinlebenden. Nebenan blinkt eine Lichtsignalanlage für Schwerhörige. Sie leuchtet bei einem Telefonanruf auf oder zeigt per Flackerblitz, wenn jemand an der Haustür geschellt hat. Außerdem finden sich in der Kommunikationsabteilung der Ausstellung viele verschiedene Mobiltelefone mit extra großen Tasten. Kurse für die Bedienung von Handys werden auch angeboten. Ich komme zu einer Reihe parkender Rollstühle. Ihre Klobigkeit und ihre zahlreichen Zusatzfunktionen machen mir Angst. Wie krank, wie gebrechlich muss jemand sein, der das Model „Adventure“ benötigt. Es sieht aus wie ein Mondfahrzeug, das sich unbeirrt von Kometeneinschlägen seinen Weg durch eine Kraterlandschaft bahnt. Wie schwierig muss ein Alltag sein, in dem dieses Gefährt eine Rolle spielt? Kein Raum ist groß genug für seinen Wendekreis, kein Wohnzimmer mehr gemütlich, wenn Omi auf diesem weißen Monstrum einreitet. Unterhalb der Hilfsmittelausstellung befindet sich eine Musterwohnung. Vieles von dem, was oben ausgestellt ist, kann hier praktisch ausprobiert werden. Wer will, kann gleich für ein paar Tage einziehen! Die gesamte Wohnung mit Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Bad ist optimal auf die Bedürfnisse von Menschen mit Handicaps eingestellt. Was das heißt, lerne ich bereits, als ich mit dem Fahrstuhl nach unten fahre. Ich treffe auf Prof. Bühler, den Leiter des Instituts mit dem sperrigen Namen, und er erklärt mir, dass die Tasten an der Außenseite des Aufzugs extra breit sind, damit man sie bequem mit der Spitze einer Krücke betätigen kann. Christian Bühler ist 47 und seit 1991 Institutsleiter. Nichts an ihm ist besonders auffällig, außer vielleicht seine Unaufälligkeit: Silbergraue Haare und Schnauzbart, dezente Brille und Herrenuhr, dazu ein grau-schwarzes Polo-Shirt, das Handy clippt am Gürtel.

Stop and Go auf dem Rollatorparkplatz
Stop and Go auf dem Rollatorparkplatz
Showroom
Showroom

Vor zwei Jahren wurde Bühler Professor an der Uni Dortmund. Nicht jeder am Institut freut sich darüber, denn die Zusatzaufgabe bedeutet, dass er weniger Zeit für das Institut hat. Doch jetzt spaziert er erstmal mit mir durch die Musterwohnung und erklärt mir die Details. Die Türen in der optimalen Wohnung sind auffällig breit, ihre Klinken mit wenig Kraftaufwand zu betätigen, weil sie lange Griffe haben. An jeder hängt auch ein etwa 50 Zentimeter langes Band – das greift sich ein Bewohner im Rollstuhl und kann damit bequem die Tür hinter sich zuziehen. Nur ein Bändchen! Alle Ecken und Kanten in der Wohnung sind mit kontrastreichen Farben markiert, damit auch Menschen, die schlecht sehen, sie gut erkennen können. Aus dem gleichen Grund ist auch auf die Kanten der Schranktüren schwarzes Klebeband aufgebracht. Der starke Kontrast zu den weißen Türen schützt davor, dass man sie übersieht und sich an ihnen stößt. Die Klebeband-Idee ist typisch für das Institut: Einfach, aber wirkungsvoll. Die Kleiderschränke im Schlafzimmer verbergen ebenfalls einen Trick. Weil für Menschen im Rollstuhl kaum zu erkennen ist, was sich in den oberen Regalböden stapelt, kamen die Tüftler auf die Idee, einfach einen Spiegel auf die Unterseite der Regelböden anzubringen. So ist auch von unten zu sehen, was alles im Schrank liegt. Böden aus Glas haben einen ähnlichen Effekt. Mit einer verlängerten Greifhand kann dann das Gewünschte entnommen werden. „Unser Ziel ist nicht nur zu helfen“; sagt Bühler, „sondern zu ermöglichen, dass die Leute nicht fragen müssen, weil sie es selbst hinkriegen.“ Doch die Hilfsmittel entbinden keinen von seiner Fürsorgepflicht gegenüber dem Nächsten. Wenn jemand trotz technischer Unterstützung einen Mitmenschen um Hilfe bittet, dann sollte man als Nichtbehinderter dem auch nachkommen, meint Bühler. Im Badezimmer müssen keine Armaturen bedient werden, denn das Wasser sprudelt per Lichtschranke wie auf der Autobahnraststätte. „Wir arbeiten viel mit Bord- und Baumarkt-Mitteln“, sagt der Chef, „damit kann man eine Menge machen.“ Im Grunde braucht man nur etwas handwerkliche Begabung, aber daran scheitern viele kleine Verbesserungen. Bühler berichtet von zwei Damen, die wochenlang bei Kerzenschein saßen, weil ihnen keiner die kaputten Glühbirnen ausgetauscht hat und sie selbst konnten es nicht mehr. In der Küche findet sich haufenweise spezielles Kochbesteck: Töpfe mit zwei ergonomisch geformten Henkeln, Messer mit einem Riemen, der um die Hand gewickelt wird, und es dadurch sicher hält, eine Gabel, die am Tellerrand festgeschraubt wird, um eine Hand zu ersetzen, mit der etwa das Fleisch beim Schneiden festgehalten wird, Untersetzerlappen aus Gummi, die verhindern, dass der Teller wegrutscht, Trinkbecher mit großen Henkeln, durch die die ganze Hand passt und so weiter. „Bei der Versorgung mit Heil- und Hilfsmitteln haben wir einen sehr guten Standard in Deutschland“, sagt Bühler. Wenn jemand etwas brauche, dann bezahle die Krankenkasse das in der Regel auch – die gesetzlichen sogar eher als die privaten. Aber ist auch alles notwendig? „Ein dynamischer Mensch in einer frühen Lebensphase, muss anders versorgt werden, als eine Großmutter“, sagt Bühler. Und dass es Geräte gibt, die von den Betroffenen gar nicht mehr richtig bedient werden könnten, weil sie dazu eine gewisse Geschicklichkeit oder Kraft benötigten. So mancher Badewannenlifter sei deshalb Fehlinvestition, meint der kühle Professor. Umso wichtiger sei eine unabhängige Beratung, zum Beispiel im Institut oder einem Reha-Zentrum. Das Institut vermittelt Anrufern auch geeignete Beratungsstelle in deren Nähe. Im Schlafzimmer steht neben dem Bett ein Schreibtisch mit einem Computer. Zusätzlich zu Tastatur und Maus ist ein Brettchen mit fünf Farbfeldern angeschlossen, mit der man den Computer steuern, sogar schreiben kann. Das Schreibunterstützungssystem, das angefangene Wörter automatisch ergänzt, ist eines der aufwändigeren Projekte des Instituts. Die Software ermöglicht selbst jemanden, der wie Romanautor Bauby fast vollständig gelähmt ist, mit nur einer Taste Wörter und Sätze zu bilden. Das Prinzip ist vergleichbar mit dem T9-Wörterbuch im Handy, das Wörter vervollständigt und sich dabei an den am häufigsten gebrauchten orientiert.

Technikzentrum von außen
Technikzentrum von außen
Chefentwickler Christian Bühler präsentiert ein Hilfsmittel
Chefentwickler Christian Bühler präsentiert ein Hilfsmittel

„Gibt es in diesem Kosmos einen Schlüssel, um meine Taucherglocke aufzuriegeln?“ fragt Bauby am Ende seines Romans. Die engagierten Wissenschaftler in Volmarstein tagtäglich an Ideen, die Menschen wie ihm ein bisschen mehr Freiheit verschaffen können. Eine Ecke weiter wird es anspruchsvoller. Hier steht neben vielen elektronischen Wunderdingen ein Gerät zur Sprachausgabe: ein schwarzer Kasten, etwas größer als eine Zigarrenkiste. Auf dem Deckel ein Tastenfeld mit Buchstaben, an der Vorderseite eine schmale LED-Anzeige. Vor kurzem habe ich es im Einsatz erlebt, bei einem Abendessen mit Freunden. Der Vater des Gastgebers leidet an ALS, jener tückischen Nervenkrankheit, deren bekanntestes Opfer der Maler Jörg Immenhof ist. Beim Freundesvater brach innerhalb eines halben Jahres Atmung zusammen. Er wird bis zu seinem Tode ein Beatmungsgerät brauchen, kann keinen Laut mehr von sich geben. Das Hilfsmittel zur Sprachausgabe ermöglichte es ihm, aktiv an der geselligen Runde teilzunehmen. Bemerkungen tippte er – mit einiger Mühe zwar – in das Gerät, dann wurde der vollständige Satz als Laufschrift angezeigt und von einer Roboterstimme ausgesprochen. Diese Stimme klang befremdlich, doch für alle am Tisch war es eine Wohltat, dass der Kranke sich laut und deutlich verständlich machen konnte. Für häufig gebrauchte Worte und Sätze hat das Gerät große Zusatzknöpfe: „Ja“, „Nein“, „Danke“ oder „Ich bekomme schlecht Luft“. Wenn der Vater meines Freundes diese Taste drückt, dann wissen die Familienangehörigen, dass wieder Schleim abgesaugt werden muss. Die „Du hast recht“-Taste ganz unten links hat er extra für seine Frau programmiert. „Er benutzt sie viel zu selten“, scherzt die und die Runde lacht, auch wenn keinem entgangen ist, dass die besondere Festlichkeit der Tafel die eines Abschiedsessens ist. ALS-Patienten gibt man zwei, höchstens vier Jahre nach Ausbruch der Krankheit. Oliver Numrich

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