Flirt-Academy: Wie an Unis das Flirten gelernt wird


Berlin – 7:30 Uhr im Untergeschoss der FU-Wirtschaftswissenschaften, Garystraße 21: Beißendes Neonlicht, verwaiste Computerinseln, die Cafeteria verschlossen, allein der Kaffeeautomat surrt erwartungsfroh vor sich hin – der perfekte Ort zum Flirt-Studium! VWL-Student Mirko, 24, erzählt, wie einfach es hier ist, ein verfängliches Gespräch zu beginnen. Zum Beispiel mit „Kann man den trinken?“ oder „Kommt da‘n Becher raus?“ oder „Ist das richtiger Cappuccino oder halb Kaffee, halb Kakao?“ Letztes Mal fragte ihn eine russische Austauschstudentin, ob er eine Ein-Euro-Münze in 50-Cent-Stücke wechseln könne. „Ich hab ihr erklärt, dass der Automat selbst wechselt“, sagt Mirko, „danach hat sie mich auf nen 50-Cent-Schümli eingeladen.“ Dass Studentinnen die Initiative ergreifen, scheint erforderlich, denn: „Jungs flirten einfach nicht“, beklagt Isabelle, 21, Musical-Studentin an der Universität der Künste. Ist es der Leistungsdruck, sind es die trockenen Lerninhalte, der Klausurenstress oder die Angst vor Studiengebühren, die die Lust der Studenten am spontanen Flirt drosseln? Herrscht gar eine flirt-feindliche Atmosphäre an den Berliner Unis? „Bei mir sind halt fast alle Kommilitonen schwul“, sagt Isabelle. Deshalb isst sie einmal die Woche in der benachbarten TU-Mensa zu Mittag, doch außer Blickkontakten ist noch nichts passiert: „Die heterosexuellen Studenten sind verklemmt oder arrogant und denken, der andere kann ja den ersten Schritt machen. Es gibt einfach keine Flirtkultur.“ Und dass, wo die Uni doch eine optimale Kontaktanbahnungsumgebung darstellt: Man trifft regelmäßig gleichaltrige, wissbegierige Menschen mit den selben fachlichen Interessen anlässlich von Seminaren oder Streikaktionen; viele sind neu in der Stadt und besitzen oder besetzen die erste eigene Wohnung und haben einen ausbaufähigen Freundeskreis. Die 22-jährige Maschinenbaustudentin Kerstin hat darum auch kein Problem, Jungs anzusprechen. Sie verifiziert täglich ihre Flirt-Theorien an der Technischen Universität. Am einfachsten sei es, nach einer Vorlesung die ausgeguckte Zielperson zu fragen, ob man deren Unterlagen kopieren könne. Wenn man gemeinsam am Kopierer steht, könne man fragen, was er am Wochenende gemacht hat. Wenn er dann von Aktivitäten mit Kumpels erzählt, sei er mit ziemlicher Sicherheit noch Single. Von den wissenschaftlichen Prinzipien des Kennenlernens hat Kerstin auf einem Kommunikationsseminar erfahren. Ursprünglich ging es um Watzlawick, Senden und Empfangen von Botschaften usw., doch das Seminar entpuppte sich als reine Cruising-Akademie. Kerstin übte den klassischen Vier-Schritt-Einstieg: 1. Blickkontakt herstellen; 2. Zurücklächeln und Haltung des anderen übernehmen; 3. Etwas von sich selbst offenbaren, zum Beispiel den Namen; 4. (schwierigster Teil) Ein witziges Kompliment machen, im Kopiererbeispiel: „He, du hast ja ne sehr schöne Handschrift – willst du mal Arzt werden?“ „Es soll nett klingen, aber nicht schleimig sein“, warnt Flirt-Profi Kerstin. Schon auf dem Seminar habe es Funken gesprüht. Bei einer Übung sollten sich die Teilnehmer bei einer inszenierten Begrüßung erst eine, dann drei, dann zehn Sekunden direkt in die Augen sehen: „Mir ist ganz anders geworden, ich dachte, jetzt bin ich echt in den Typen verknallt.“ Trotz allem meint auch Kerstin müssen die Studentinnen meistens den ersten Schritt machen: „Jungs können nicht gut flirten, es trauen sich immer nur die falschen. Und die, von denen man was will, die machen nichts.“ Andreas hingegen kann heißen Blicken stand halten. Der 27-jährige Pädagogikstudent hat seine Traumkommilitonin in einem Seminar an der Fachhochschule kennen gelernt. In Arbeitsrecht saßen sie sich zwei Semesterwochenstunden lang gegenüber und tauschten verschämt-interessierte Blicke. „Nach der letzten Stunde hat sie beim Ausgang auf mich gewartet und wir sind zusammen zur U-Bahn gelaufen“, erzählt Andreas. „Wir haben erst über den Kurs gesprochen, dann hat sie vorgeschlagen, dass man sich ja mal wiedertreffen könnte. Jetzt sind wir schon vier Wochen zusammen!“ Oliver Numrich

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