Elite-Studenten ohne Exzellenz-Programm


Alle reden von zukünftigen Elite-Unis, die den Standort Deutschland retten sollen. Doch dass schon jetzt viele Studierende täglich Höchstleistungen an den ganz „normalen“ Berliner Unis vollbringen wird dabei übersehen. Vier Beispiele:

Nadine Krawietz, 21, studiert im dritten Semester Luft- und Raumfahrttechnik an der TU. In Unterrichtsfächern wie Aerodynamik oder Weltraumrecht ist sie die einzige Frau, doch das schreckt sie nicht: „Ich finde die Technik total spannend, es ist eine Branche mit Zukunft.“ Nadine steht jeden Tag um 6 Uhr auf, denn von Köpenick braucht sie eine Stunde bis zur Uni und die beginnt um kurz nach 8 Uhr. Vorlesungen und Seminare enden zwischen 15 und 18 Uhr, dann lernt Nadine zu Hause oder in der Bibliothek weiter. „Wenn man alles in der Regelstudienzeit schaffen will, muss man bis abends lernen.“ Gleich nach dem Grundstudium, will sie für ein Jahr nach Frankreich, um das deutsch-französische Doppeldiplom zu machen. In den Semesterferien baut die zukünftige Luftverkehrsmanagerin in einer kleinen Flugzeugfabrik in Schönhagen bei Trebbin Leichtmotorflugzeuge. Nebenbei macht sie den Flugschein für Motorflugzeuge, fechtet und macht Fitness. Trotz Megastudienstress hält sie von Elite-Unis nichts: „Wir sollten erst mal dafür sorgen, dass unsere ganz gewöhnlichen Unis besser ausgestattet werden.“

Jörn Linnenbröker, 28, hat schon den Magister in Theater- und Medienwissenschaften, studiert dazu jetzt im vierten Semester „Musical/Show“ an der Universität der Künste. Hier aufgenommen zu werden, könnte an einer Elite-Uni kaum schwieriger sein: Durchschnittlich 150 Bewerber ringen drei Tage lang um 8 bis 12 zu vergebende Studienplätze. Sie müssen mehrere Songs und Monologe vortragen, zwei Choreographien tanzen und unter den prüfenden Blicken der Profs improvisieren. Wer wie Jörn durchkommt, darf dann vier Jahre lang von morgens 10 bis abends 10 Uhr singen, tanzen und schauspielern, gerne auch am Wochenende. „Im Grunde ist es wie an einer Elite-Uni“, sagt Jörn, „die Auswahl ist hart, aber die Uni hat einen sehr guten Ruf.“ Von privaten Musicalschulen hält er nicht viel: „Da entscheiden nicht immer Talent und Persönlichkeit, sondern auch das Einkommen der Eltern.“ Zur Zeit steht Jörn gleich in zwei Stücken auf der Bühne: Als Elefantenmensch im gleichnamigen Stück der Neukölner Oper und als Kampfhund in „Dogs“, einer UdK-Inszenierung nach Texten von George Tabori.

Linus Grabenhenrich, 26, studiert im siebten Fachsemester Humanmedizin an der Charité (FU/HU). Zur Zeit forscht er täglich von morgens bis abends im Labor für seine Doktorarbeit in pädiatrischer Viruologie. Vor zwei Jahren hat er noch Unipolitik gemacht, gestreikt, informiert, protestiert und Studierende auf einer SPIEGEL-Podiumsdiskussion vertreten. Heute fehlt dem angehenden Kinderarzt dafür die Zeit. Er ist Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, war in Indien und über das Erasmus-Programm ein Jahr in Schweden, nun fördert die Charité seine Forschung. „Statt großer Elite-Unis fehlt es im kleinen, drei Etagen tiefer: Die engagierten Studenten müssen über Stiftungen und Drittmittel stärker gefördert werden, die meisten Förderprogramme in Deutschland sind zu klein und zu starr.“ Linus befürchtet zudem, dass Eliteunis den anderen Hochschulen schaden: „Dann werden „normale“ Unis von Studenten und Professoren nicht mehr ernst genommen und da herrscht dann der Stillstand.“

Alexandra Börner, 20, studiert im dritten Semester Volkswirtschaft an der Humboldt-Uni. „Hier gibt es gute Professoren, die Fakultät ist sehr perfekt organisiert – selbst eine Elite-Uni könnte nicht besser sein“, sagt die Studentin. Am Ende liege es an jedem Studierenden selbst, wie viele Bücher er ließt, wie motiviert er ist, „aber ich denke nicht, dass jeder Student an die Hand genommen werden muss.“ Trotz Studium im Eilschritt, engagiert sie sich beim Austauschverein Aiesec. Dort ist sie im Vorstand zuständig für „Firmenansprache“, das heißt sie besorgt ausländischen Studierenden Praktikumplätze in Berliner Unternehmen. „Ich sammle da viel praktische Erfahrung. Man lernt, sich und andere zu motivieren, im Team zu arbeiten und alles auf Englisch.“ Als nächstes steht ein Auslandsaufenthalt in Schweden an, weitere sind fest eingeplant. Für die Zukunft befürchtet Alexandra, dass die „European School for Management and Technologie“, die demnächst in unmittelbarer Nachbarschaft lehrt, gute Professoren abwirbt – einer habe bereits gewechselt. Oliver Numrich

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