Polnische Lesben und Schwule im Berliner Exil


“Es ist eine Schande, dass dieser Mann hier sprechen darf. Dieser Mann ist ein Antidemokrat, und er verhetzt das polnische Volk. Damit ist er mitverantwortlich für Gewalt gegen Schwule und Lesben!“ Bei seinem Deutschlandbesuch Anfang des Jahres musste sich Polens Staatspräsident Lech Kaczynski eine ungewöhnliche Standpauke anhören. Deutsche und polnische Lesben und Schwule stürmten den Festakt in der Humboldt-Universität, in der Kaczynski eigentlich über Europa dozieren wollte. Stattdessen outet ihn ein Homo-Aktivist als Volksverhetzer und Schwulenhasser. Der Redner hatte sich im Tumult zur Bühne vorgekämpft, auf der Bodyguards den ausländischen Staatsbesuch mit Regenschirmen vor Eierwürfen schützten.

Regungslos nahm der graugesichtige Kaczynski die Übersetzung entgegen, um später zu sagen, dass er froh sei, dass Lesben und Schwule sich nicht vermehren könnten. Doch mit dieser Einschätzung irrt der polnische Rechtsaußen – sie werden immer mehr! So gingen über 5.000 Lesben und Schwule Ende Juni in Warschau auf die Straße, um beim „Marsch für Gleichheit“ für ihre Rechte zu demonstrieren – es war die größte Homo-Parade, die Polen je gesehen hatte. „Unser Marsch hat deutlich gezeigt, dass die Bürger von Polen sich die Diskriminierungen nicht länger gefallen lassen“, sagt Tomasz. Der 33-Jährige hat die Homo-Parade organisiert, er lebt die Hälfte des Jahres in Berlin, bei seinem deutschen Lebenspartner, die übrige Zeit in Warschau.

Tomasz ist einer von vielen Homosexuellen, die aus Polen ins Berliner Exil geflohen sind. Gleich nach der Wende kam er nach Deutschland, um hier Ökonomie zu studieren. „Damals schon war Berlin eine ganz andere Welt für uns. Es hat mir gezeigt, wie es auch in Polen sein könnte“, sagt Tomasz. Mittlerweile ist Deutschland sein „zweites Vaterland“ geworden. Berlin sei zwar keine Oase, aber er fühle sich hier „normal“, ohne Beschränkungen und Befürchtungen. In seiner Heimat muss er Schlimmeres als Pöbeleien befürchten, denn durch den Kampf für gleiche Rechte hat er es zu fragwürdiger Berühmtheit gebracht. Sein Name findet sich samt Foto und Handynummer auf rechtsextremen Internetseiten, stets verbunden mit der Aufforderung, ihn fertig zu machen. „Mir war klar, dass eine Parade ohne die Unterstützung des Auslands nicht möglich gewesen wäre“, sagt Tomasz mit ernster Miene. Sein einziges Argument bei den Verhandlungen mit der Warschauer Stadtverwaltung war: „Da kommen hunderte Deutsche, die müssen geschützt werden, sonst gibt es diplomatische Probleme.“ Um diese Drohkulisse glaubwürdig zu machen, mobilisierte Tomasz alle Kontakte, die er zur Berliner Szene hatte. Die ließ sich nicht lange bitten und fiel mit vier eigens gemieteten Bussen zum Gleichheitsmarsch in Polens Hauptstadt ein. Zur quietschfidelen Reisegesellschaft gehörten auch der bereits bei ähnlicher Gelegenheit in Moskau malträtierte Grünenabgeordnete Volker Beck, Quatsch-Komödiant Thomas Hermanns und Lindenstraßen-Nervensäge Georg Uecker. Es schien grad so, als habe die vereinte Berliner Schwulenbewegung wieder ein lohnendes Betätigungsfeld gefunden, seitdem ein offen schwuler Bürgermeister jeden Diskriminierungs-Vorwurf im Keim erstickt. Tatsächlich ist Berlin für Tomasz ein Vorbild im Umgang mit Minderheiten. Nicht nur mit Schwulen und Lesben, sondern auch mit Ausländern. „Es ist eine Multikulti-Stadt und so stelle ich mir Europa vor.“

„Berlin ist meine Stadt“, sagt auch der 30-jährige Mikolai, „hier will ich nicht mehr raus, außer vielleicht in den Urlaub.“ Schwulsein sei in Polen zwar nicht verboten, aber auch nicht gern gesehen. In Berlin dagegen könne man sein wie man will. Auf dieser Erkenntnis fußt auch die Geschäftsidee des selbständigen Reisekaufmanns. Er organisiert Berlin-Touren für polnische Lesben und Schwule, die ihrem Heimatland für ein Wochenende oder länger den Rücken kehren wollen. „Wenn die hier ankommen, sind sie total sprachlos“, beschreibt Miko in flüssigem Deutsch, „sie sind richtig schockiert, aber positiv schockiert.“ Er zeigt den Toleranz-Touristen dann alle einschlägigen Bars und Treffpunkte und übersetzt – notfalls auch beim Flirten. Die Warschauer Gleichheits-Parade hat Miko gleich genutzt, um Werbung für seine Reiseagentur zu verteilen. Er selbst kam ebenfalls zum Urlaubmachen in die Stadt, verliebte sich in einen Einheimischen und so wurden aus geplanten zwei Wochen Berlin acht Jahre. „Ich bin hier glücklich, schwul zu sein“, bekräftigt er, „ich muss mich nie vor jemandem verstecken.“ Entgegen landläufiger Meinung schätzt er auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten in Berlin besser ein: „Ich verdiene mehr als ich in Polen kriegen würde und die Preise sind in beiden Ländern fast gleich.“

„Das Leben in Berlin ist bunt und billig“, meint auch Leszek. Der 43-jährige Multimedia-Künstler wohnt mit seinem griechischen Ehemann in einer geräumigen Dachgeschosswohnung in Friedrichshain. Zur Hochzeit letztes Jahr kamen auch die Eltern aus Polen. „Mein Vater versteht nicht, warum ich schwul bin“, sagt Leszek, „aber er liebt mich und deshalb akzeptiert er, wie ich lebe.“ Auch das zeitlose Kaffee-Service, das die Eltern seit 20 Jahren zur Aussteuer bereithalten, wurde ihm am Hochzeitstag feierlich überreicht. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal heiraten würde“, erzählt Leszek lachend, „und mich schon gefreut, dieses grässliche Service niemals zu bekommen.“ Die offizielle Atmosphäre bei der Verpartnerung auf dem Standesamt, die vielen Freunde, die Offenheit der Stadt – all das beeindruckte seine Eltern so sehr, dass sie von nun an keine Fragen mehr stellten. „In Polen ist man eben gleich so definiert“, sagt Leszek, „und hier musst du dich nicht rechtfertigen, für das, was du bist.“ So viel Akzeptanz motiviert nicht gerade zum politischen Engagement.

Kasia geht trotzdem zweimal im Monat zu ihrer Politgruppe „Tolerancja Po Polsku“. Sie ist 27, lesbisch und seit vier Jahren in Berlin auf der Suche nach der großen Liebe. Sie sammelt Unterschriften gegen Diskriminierung polnischer Lesben und Schwulen, demonstriert vor der polnischen Botschaft und steht am Infostand auf dem lesbisch-schwulen Straßenfest. „Ich habe viele homosexuelle Freunde in Polen und würde mich freuen, wenn es denen auch besser ginge“, sagt Kasia. Das Problem der Lesben in Polen sei, dass sie überhaupt nicht wahrgenommen würden. „Insofern haben sie es leichter, weil sie quasi nicht existieren.“ Auch die Presse habe fast nur über Schwule berichtet, die am Gleichheitsmarsch teilnahmen. Es sei nicht so, dass man in Polen jeden Tag um sein Leben fürchten müsse nur weil man lesbisch oder schwul ist, erklärt Kasia. Es gehe um die alltägliche Diskriminierung. „Wenn man immer aufpassen muss, was man macht oder sagt, ist das vielleicht noch schlimmer, als würde man geschlagen.“ In ein paar Jahren möchte sie Kinder haben, der Papa ist schon da, nur die zweite Mutti fehlt noch. „Heutzutage will sich ja keine mehr binden“, klagt sie. Das ist eben auch typisch für Berlin! Oliver Numrich

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