Gründerberater Thomas Andersen: Die Süßware ist ein Haifischbecken

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Als Gründerin oder Gründer muss man nicht nur ein Produkt entwickeln, was schwierig genug ist, sondern auch tausend andere Sachen lernen! Zum Beispiel wie man eine Verpackung gestaltet oder eine Webseite bekannt macht, wie Lieferketten im LEH funktionieren, was man beim Gründen einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung bedenken muss und wie die ganze Buchhaltung funktioniert. Zum Glück gibt es Berater, die Startups dabei helfen, möglichst wenig Fehler zu machen und am Markt zu reüssieren. Einer davon, dem ich auch selbst schon Löcher in den Bauch fragen durfte, ist Gründerberater Thomas Andersen in Berlin. Weil es bei naschkater.com um Süßwaren und Snacks geht, habe ich ihn zu Gründungen im Lebensmittelbereich befragt.

naschkater.com: Herr Andersen, Sie sind Marketing-Experte und beraten mit Ihrer Unternehmensberatung andersen-marketing.de Gründer und Startups. In welchen Bereichen sind die Startups tätig, die Sie beraten? 

Thomas Andersen Andersen-Beratung Berlin
Thomas Andersen, Andersen-Marketing Berlin / ©Stefan Kny (foodbuzz.de/gründermetropole-berlin.de)

Thomas Andersen: Food, IT, Energy, Services, Kosmetik – da kommt vieles zusammen! Immerhin mache ich das schon seit 16 Jahren. Daher ist es immer erfreulich, wenn die Startups dank guter Erfahrungen beim ersten Mal nach Monaten oder Jahren wieder anklopfen und wieder um Coaching, Beratung oder Empfehlung bitten. Dank meines immens großen Netzwerks an Coachkollegen, Rechts-, Steuer- und HR-Dienstleistern, Mittelständlern und Investoren kann ich da auch den Scale-ups oft noch gute Tipps geben. In den letzten Jahren kamen viele technologisch orientierte Startups dazu, denen ich als DIN-Mitglied oft auch einen Weg in die Standardisierung mittels DIN CONNECT weisen konnte.

naschkater.com: Zu wie viel Prozent sind Sie eher Sparringspartner der Gründer, helfen bei der Vernetzung oder mit ganz konkretem Fachwissen?

Thomas Andersen: Das kommt sehr auf den Entwicklungsstand des Startups und das Vorwissen der Gründer an. Ein Startup hat es mal so ausgedrückt: „Von der ersten Minute an hatten wir den Eindruck, er ist ein Teil des Gründerteams.“ Wenn ich von den Gründern überzeugt bin, stürze ich mich stets mit ganzer Leidenschaft ins Thema – dann sind die Grenzen zwischen Coaching, Beratung und bedingungslosem Wissensabfluss schnell aufgelöst.

naschkater.com: Wo ist aus Ihrer Sicht der größte Beratungsbedarf, wo passieren die meisten Fehler? 

Thomas Andersen: Eindeutig in der präzisen Formulierung des Geschäftsmodells: Was genau will ich wem genau mit welchem Nutzenversprechen auf welchem Kanal und zu welchem Preis verkaufen? Dabei arbeite ich gern mit dem Business Model Canvas von Osterwalder. Aber auch in der Kommunikation hin zu möglichen Investoren kann viel schieflaufen. Da muss der Businessplan und das Pitchdeck empfängeradäquat formuliert und gestaltet werden.

naschkater.com: Sie waren selbst lange in verschiedenen Positionen in der Süßwarenindustrie tätig, unter anderem für Ferrero.de und den Bonbonhersteller bodeta.de – ist die Süßware generell eine lohnende Branche oder raten Sie Gründern davon ab, hier einsteigen zu wollen?

Thomas Andersen: Sie ist zumindest dank des vielen Zuckers eine hochgradig Serotonin-erzeugende, daher glücklich machende und hochemotionale Branche. Je nach Teilmarkt ist sie aber auch ein Haifischbecken, in dem man genau wissen sollte, was man tut. Hier wird gegengehalten und abgekupfert, was das Zeug hält. Außerdem ist hier die höchste Floprate aller Fooderzeugnisse zu verzeichnen, was an Optik, Geschmack, Timing, aber besonders auch den Gegenmaßnahmen der Konkurrenz liegen kann. Da es fast immer ein B2C-Business ist, fallen außerdem hohe Kosten fürs Marketing an, die nicht jedes Startup so leicht aufbringen kann.

naschkater.com: Wer heute ein smartes Onlinebusiness startet, kann mit wenig Aufwand schnell viel Geld verdienen. In analogen Geschäftsfeldern gibt es überall große, auch kostspielige Risiken. Man muss viel investieren, aber sind dafür auch die Lebensdauern länger und einträglicher als bei einer schnell umgesetzten Onlineidee?

Thomas Andersen: Das ist keineswegs garantiert. Auch im klassischen Süßwarenmarkt gibt es das Tamagotchi-Phänomen der One-Season-Items, ohne jetzt von Oster-, Muttertags-, Halloween- oder Weihnachtsware zu sprechen. Dass Süßware überhaupt online funktioniert, war lange bestritten worden. Die ersten abgefilmten Produktkataloge der allerersten Webshops sahen noch grauslich und wenig impulskaufanregend aus.

Mit gutem Storytelling, besserer Foodfotografie und den allgegenwärtigen Influencern (eine öffentlich-rechtlicher Vorläufer war da jahrzehntelang Thomas Gottschalk für Haribo Goldbären!) kam dann die Erinnerung an den Genuss oder das Probierverlangen auch im Netz gut an, so dass der Kaufbutton öfter geklickt wurde. Erfolgreich sind heute auch bei Süßwareninnovationen eigentlich nur die Multi-Channel-Strategen, nicht die Pure Player: ich muss als smarte Süßwarenmarke digital und analog, also im Internet und am POS, vorhanden sein.

naschkater.com: Wie hat sich nach Ihrer Meinung in den letzten Jahren der Süßwarenhandel verändert? 

Thomas Andersen: Er ist digitaler, hektischer und deutlich ausdifferenzierter als früher geworden. Auch die exotischste Geschmacksrichtung wird bedient, Asien, Afrika, Süd- und Mittelamerika: viel Exotisches tummelt sich da, genau wie beim Rest der Foodangebote.

naschkater.com: Und wie wirkt sich jetzt die Corona-Krise mit all ihren Begleiterscheinungen auf die Süßware aus und was müssen Gründer dadurch beachten?

Thomas Andersen: Nach der Schockstarre kam das Horten, leider nur von Klopapier, Mehl und Nudeln, weniger Süßwaren. Innovationen sind eher seltener gefragt als handfeste (Fertig-)Nahrung. Allerdings möchte man sich auch mal was gönnen in seinem Isolations-Einerlei – dann ist der Griff zu hochwertig Süßem durchaus drin. Gründer sollten sich in dieser Zeit auf strategische Fragen, zum Beispiel der noch digitaleren Anpassung des Geschäftsmodells, der Suche nach neuen Teammitgliedern und Kooperationspartnern – man erreicht die Menschen jetzt endlich persönlich! -, fokussieren.

Die berühmten zwei Milliarden finanzielle Unterstützung für die Startups, Anfang April angekündigt, sind ja bisher noch nicht geflossen, kommen aber dank entsprechender Lobbyarbeit scheinbar nur den 15% Startups zugute, die schon eine erste größere Finanzierung hinter sich haben und denen nun der Nachschuss auszufallen droht, weil familiendominierte Privatinvestoren nun Corona-scheu geworden sind und viele Seedinvestoren und Series A-Venture Capital-Geber erstmal ihr vorhandenes Portfolio von Startups am Leben halten müssen.

naschkater.com: Herr Andersen, vielen Dank für das Gespräch.

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