Unverstandene Zeichen


Beim Goldstar trinken in Tel Avivs angesagtem Wohnviertel Florentine fand ich heraus, dass israelische Lesben die Doppelaxt als emanzipatives Symbol der Frauen-/Lesbenheit nicht kennen. Sie kannten es nicht nur nicht, sie fanden es auch viel zu barbarisch. Das Erkennungszeichen, das hierzulande gern als Anhänger um den Hals getragen oder in die Haut graviert wird, ist dort das Einhorn, wie die Abbildung eines entsprechenden Comic-Covers belegen soll:

Die Diskusison über unterschiedliche Symbole brachte mich auf den Gedanken, dass auch andere, früher selbstverständliche Erkennungszeichen der Homowelt bei jungen Leuten heute nur noch Schulterzucken auslösen dürften. Etwa der rosa Winkel, den politische Schwule in Deutschland früher als Anstecker an der Jeansjacke trugen, um damit an die Verfolgung im Dritten Reich zu erinnern. Denn in den Konzentrationslagern der Nazis wurden die verschiedenen Häftlingskategorien mit farbigen Symbolen gebrandmarkt: Juden trugen gelbe Davidsterne, Kriminelle grüne, lesbische Frauen als „Asoziale“ schwarze und homosexuelle Männer rosa Dreiecke. Möglicherweise eine zu starke Betonung der Opferrolle – jedenfalls hat sich dieses Zeichen so wenig durchgesetzt wie der später kurzzeitig in Mode kommende schwarze Stecker im rechten Ohr. Oder war es im linken? Die Verwirrung kommt nicht von ungefähr: Immer wenn jemand sich von feindlich gesinnten Heteros ertappt fühlte, behauptete er einfach, es sei das andere Ohr, das – vom Ring durchstoßen – als Zeichen von Schwulheit gelten müsse. Gibt es heute nicht mehr bzw. da jetzt insbesondere den Oberproleten künstliche Brillianten von QVC in den Ohren kleben, fällt das als verkapptes Statement flach. Ein Zeichen, das ich nie verstanden habe, ist das Lambda. In Berlin gibt es einen Homo-Jugendverband, der sich danach benannte und Wikipedia meint, es sei seit den 1970er Jahren ein internationales Zeichen der Schwulen- und Lesbenbewegung, weil es für „libertas“, Freiheit verstanden als Gleichberechtigung, stehe. Klingt plausibel, hat sich aber auch nicht durchgesetzt, weil viel zu intellektuell! Die braun-orange-schwarz-gestreifte Bärenfahne mit Tatze ist soweit ich weiß in speziellen Zirkeln noch im Gebrauch – sofern diese keine gerichtliche Abmahnung vom Outdoor-Ausstatter „Jack Wolfskin“ bekommen haben, der bekanntlich in einer Art Corporate-Identity-Wahn alles abmahnt, was einem Tatzenmotiv ähnelt. (Dann doch lieber gleich North Face kaufen, oder?!) Welche Symbolik sich aber definitiv überlebt hat und selbst in Kölner Lederbars Gekicher auslösen wird, sind die verschiedenfarbigen Tücher, die links oder rechts aus der Gesäßtasche herusluken: Dabei deutet die Farbe eine bestimmte, durchaus unappetitliche sexuelle Vorliebe des Trägers an, während die Trageseite für aktive oder passive Bevorzugung ebendieser Vorliebe stand. Die geheime Farbenlehre der so genannten HankyCodes geht so: Himmelblau für Blasen, Dunkelblau für Ficken, Gelb für Pisse und braun für Nasiewissenschon, wobei links aktiv und rechts passiv sei. So etwas braucht man heute alles nicht mehr, schließlich weiß man dank des Internets und der dort beheimateten Kontaktseiten schon lange vor der ersten Begegnung, worauf der andere steht! Nur ein Smybol hat sich weltweit bis heute behauptet, weil es so hübsch ist, die verschiedenen Strömungen der Szene bildhaft darstellen kann und sich optimal eignet, um potentiellen Kunden die Offenheit gegenüber ihren Geldbösen anzudeuten: der Regenbogen, über den erstmals Dorothy im schwulen Kultfilm „The Wizard of Oz“ sang. Mittlerweile ist die Regenbogenfahne sogar nach internationalem Flaggenrecht genormt und dient in Berlin und anderen fortschrittlichen Weltgegenden homopolitischen Veranstaltungen von Stadtfest bis Parade als gefällige Dekoration.

Der Vollständigkeit halber seien noch zwei Zeichen erwähnt, die nicht zwingend auf die Homosexualität ihres Trägers schließen lassen, aber mit der Homoszene verbunden sind: Die rote Schleife als Symbol für die Solidarität mit Menschen mit HIV und AIDS und die rosa Schleife als Symbol für die Solidarität mit Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind und zur Mahnung an die Heimtücke dieser Krankheit.

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