Mein Chips-Projekt (1): Die Flavoristinnen von Bell

Im Gespräch mit den Flavoristinnen von Bell - Frau Heini, Frau Hoffmann und Frau Lange-schmäler
Im Gespräch mit den Flavoristinnen von Bell - Frau Heini, Frau Hoffmann und Frau Lange-schmäler

Jetzt ist es soweit, ich spreche das erste Mal öffentlich darüber: Ich bin dabei, meine eigenen Chips zu kreieren! Nachdem ich mich seit vielen Jahren in der Süßwaren- und Snackbranche bewege und ständig über andere Produkte schreibe und mir denke, was man alles besser machen könnte, gründe ich jetzt mein eigenes Food Start-up!

Dazu spreche ich mit Marktforschern, Zulieferern, Händlern, Geldgebern, Designern, Gesellschaftern und so weiter und alles ist mega spannend. Aber je mehr man über Chips und den Handel erfährt, umso komplizierter stellt sich die Sache auch dar: Ich muss jeden Tag viele verschiedenen Optionen gegeneinander abwägen und die richtigen in mein Konzept einbauen. Es ist wirklich ein ständiger Kampf, Erkenntnisse zu akzeptieren und anzunehmen, aber dennoch der eigenen Anfangsidee treu zu bleiben. Und wenn man jemanden erzählt, der auch Leidenschaft entwickelt und dann einen Vorschlag macht „Man könnte diese oder das…“  und begeistert mit mir zusammen rumspinnt, dann zu sagen: „Ja, das könnte man alles, aber ich muss meinem Konzept treu bleiben und das führt mich davon weg…“ Im Grunde muss ich meine Hypothese von den geilsten Kartoffelchips der Welt jeden Tag aufs neue vor mir selbst und der Umwelt überprüfen, Teile davon verwerfen, aber andere Teile gegen Widerstände verteidigen.

Wer jetzt sagt „Es geht doch nur Chips und nicht um Raketentechnik“, dem muss ich sagen: Manche Portionier- und Verpackungsmaschinen sehen aus, als könnte man damit zum Mond fliegen! Und übrigens kosten sie auch so viel wie ein kleines Raumschiff…!

Drei alles entscheidende Fragen an mein Chips-Projekt: Technik? Markt? Geld?

Aber ich fange mal vorne an. Am Anfang stand eine zündende Idee, wie man richtig geile Chips machen könnte. Diese Ur-Idee wurde dann von mir gedanklich weiterentwickelt und in Gesprächen mit Experten und Nicht-Experten nebenbei eingestreut, um die Reaktionen zu testen. Die waren überwiegend gut, vor allem bei denen, die Chips mögen und kaufen. Aber von da an musste ich drei entscheidende Fragen parallel prüfen:

  1. Kann man „meine“ Chips überhaupt so herstellen wie ich sie mir vorstelle?
  2. Hätten die grundsätzlich eine Chance, sprich gibt es eine Zielgruppe, die bereit wäre, den notwendigen Preis für diese Chips zu bezahlen und kann ich sie über Kanäle wie den Lebensmitteleinzelhandel oder andere Wege erreichen?
  3. Und schließlich und auch entscheidend: Kann ich damit genug Geld verdienen, damit ich die notwendigen Kredite abbezahlen und davon leben kann?

Nur wenn ich alle drei Fragen mit Ja beantworten kann, kann ich mich auf das Risiko einlassen… Status Mitte April: Ich bin noch mitten in der Klärung.

Erste Frage: Kann man das, was ich vorhabe, technisch umsetzen?

Um diese Frage zu klären, habe ich mich mit einer Flavoristin bei Bell Flavors & Fragrances in Leipzig-Miltitz verabredet. Und die hat sich zur Verstärkung noch eine Flavoristin und eine Kollegin vom Marketing mitgebracht. Das amerikanische Unternehmen Bell übernahm 1993 von der Treuhandanstalt das ehemalige Stammwerk von Schimmel & Co, das zu DDR-Zeiten zum VEB Chemische Werke Miltitz gehörte. Von hier kamen auch damals schon die Aromen für viele Konsumgüter in der DDR, etwa für Zahncreme oder Getränke. Heute liefert Bell Flavors & Fragrances nicht nur Aromen für fast alle Bereiche des täglichen Lebens und für eine Vielzahl internationaler Märkte, sondern berät Hersteller bei der Neukonzeption und Überarbeitung von Produkten und forscht an Lösungen für unterschiedliche Herausforderungen der Industrie, etwa für die Zuckerreduktion in Rezepturen ohne Geschmackseinbußen. Also genau der richtige Partner für mich!

Besprochen haben wir uns in der altehrwürdigen Schimmel-Bibliothek, die nach den Gründervätern des Vorgängerunternehmens benannt ist. Die Schimmelbibliothek ist mit 30.000 Büchern und Zeitschriften eine der weltweit größten Sammlungen über Geschmacksstoffe, Pflanzenextrakte und ätherischen Öle. Also genau der richtige Ort, um mit den Expertinnen über die Würzung meiner Knallerchips zu sprechen.

Seasonings bestehen aus drei Komponenten

Ich hadere damit, welche Einzelheiten ich hier konkret preisgeben kann, um weder die Geschäftsgeheimnisse von Bell noch meine auszuplaudern. Aber so viel kann man sagen: Die Möglichkeiten des Gewürzaromenherstellers sind quasi unbegrenzt und auch meine Vorstellungen können grundsätzlich bedient werden, wobei die Geschmacksrichtungen im Detail verkostet und auf Tauglichkeit im Endprodukt verkostet werden müssen. Denn nicht alles, was als Idee im Kopf gut schmeckt, tut das auch als Snack. Wichtig für meine Planungen waren auch erste grobe Preiskalkulationen und die Haltbarkeit ohne Qualitätseinbußen, die bei Kartoffelchips zwischen einem halben und einem Jahr liegt, weil dann das Fett ranzig schmecken kann. Außerdem habe ich gelernt, dass jedes Seasoning drei Komponenten hat: die Top-Note zum Beispiel aus Aromen und Gewürzextrakten, die Mid-Note beispielsweise aus Käsepulver und Gewürzen und die Base-Note, etwa aus Salz, Zucker, Säuren und gegebenenfalls Farbstoffen. Um Extruderprodukte wie zum Beispiel Käsebällchen zu würzen, verwendet man „Slurries“. Dazu wird das komplette Seasoning mit Pflanzenöl gemixt und dann – je nach Maschine – auf den Rohkörper gesprüht.

Und die Marketingexpertin hat mir geholfen, die Zielgruppe genauer zu definieren und mich darüber hinaus noch in zwei Annahmen bestätigt: 1. Extruderprodukte wie Maisflips sind zwar Produkte mit hohen Volumina, jedoch beim Konsumenten immer weniger beliebt. 2. Gemüsechips aus Süßkartoffeln, Roter Beete und so weiter sind zwar ein vordergründiger Trend, der den Markt weiter antreibt und den die Verbraucher mal ausprobieren, aber nur die wenigsten bleiben langfristig dabei. Meine Vermutung: Am Ende haben die meistens zu wenig Geschmack und es stellt sich keim Snacken kein Zufriedenheitsgefühl ein. Dieser Trend, alles mögliche an Obst und Gemüse zu trocknen, dörren und backen und dann als „gesunden“ Snack zu vermarkten stößt an natürliche Grenzen…

Fazit dieser ersten technischen Prüfung: Produktion könnte theoretisch so klappen wie ich es mir vorstelle, aber es wird noch einige Reality-Checks geben müssen… 

 

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