Berliner Mythen: Die Heimat des Floriada-Eisbechers


Nichts Genaues weiß man nicht, aber 1927 soll hier in der Spandauer Kosterstraße mit dem Café Blotkow die erste Eisdiele Berlins eröffnet haben. Wobei Eisdiele zu viel gesagt ist: Zum Café gehörte auch ein kleiner Filmvorführraum und für die Zuschauer von „Metropolis“ oder „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ wurde Konditoreneis gekugelt. Der zweite Weltkrieg zerstörte das Gebäude und es ging ohne Kino in einem Neubau unter dem Namen „Café Annelie“ weiter. Anfang der 80er Jahre kam ein neuer Besitzer, der dem Lokal einen Relaunch verordnete: moderner, heller, weltläufiger. Seitdem hängen quietschbunte Poster mit Stränden, Palmen und Alligatoren im Gastraum und die Servicekräfte tragen einheitliche Hawaihemden, die der Geschäftsführer jedes Jahr persönlich aus Key West mitbringt, wo er sich auch zurzeit aufhält. „Florida ist ein Lebensgefühl“, sagt seine Teilhaberin, Simone Gürgen, „es scheint immer die Sonne, die Menschen sind freundlich und locker.“ Dieser Verheißung folgen täglich – je nach Wetterlage – bis zu 2000 Spandauer und bilden Warteschlagen einmal um den Häuserblock. Hier trifft man sich und plaudert beim Warten. Das Florida ist nicht nur eine Institution, es ist „Place to be“ für alt und jung im ansonsten ereignisarmen Außenbezirk. In den letzten Jahren fraß sich das Café wie die Raupe nimmersatt von links nach rechts durch die Gebäudezeile und verschlang erst eine Reinigung, dann eine Fahrschule. Im letzten Jahre machte es einen Sprung auf die andere Seite der Bahntrasse und eröffnete nur 1.500 Meter vom Stammsitz entfernt am Spandauer Bahnhof eine moderne Dependance. Trotz des ehernen Wachstums findet man in beiden Läden am Wochenende nur schwer einen freien Platz. „Die Leute kommen hierher, um sich ein bisschen zu erholen und abschalten“, sagt Gürgen, „nur am Sonntag kann man das sicher nicht, dann ist hier Nahkampf angesagt.“ Die 21-jährige Geologie-Studentin Hannah Danielowski schleckt seit frühester Kindheit Florida-Eis, meist Karamell und Erdbeer, und jobbt inzwischen drei Mal die Woche selbst am Eistresen. „Ich bin eine richtige Naschkatze“, gibt sie zu, „ich könnte auch morgens schon Eis essen.“ Auch Hannas Schwester Laura arbeitet im Café, genau so wie ihre ehemaligen Mitschülerinnen Candy und Coco. Florida ist ein wahrer Jobfloater: 120 Leute arbeiten mittlerweile in beiden Läden, davon 70 Studenten. Auch außerhalb der Hochsaison müssen die Aushilfen ran und etwa im Februar in einer konzertierten Aktion 1000 Kilo frische Blutorangen schälen oder im August ebenso viele Rumtopfkirschen einlegen. Denn nicht nur das Eis, auch alle Saucen und Toppings werden aus natürlichen Zutaten selbst zubereitet. Eisverkäufer ist wohl der dankbarste Beruf auf der Welt, denn wer sonst kann seine Kunden augenblicklich so glücklich machen? „Ich bleibe immer ruhig, auch wenn sich mal einer nicht entscheiden kann“, versicht Hanna. Nur Sahne und Waffeln einpacken sei was ganz Schlimmes. Oliver Numrich

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